Ehrlich gesagt, wer in Werne und Umgebung schon einmal versucht hat, den täglichen Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder zur Schule rein mit dem Fahrrad zu bestreiten, der kennt die Realität hinter den schönen Hochglanzbroschüren. Diese Seite war lange Zeit genau dafür da: Ein digitaler Finger in der Wunde, aber auch eine Plattform für Lösungen. Es ging nie nur darum, hübsche Radtouren am Wochenende zu planen – obwohl das Münsterland dafür natürlich genial ist – sondern um den harten Asphalt-Alltag. Radverkehrspolitik ist nämlich oft ein ziemlich zähes Ringen um jeden Meter Straßenraum, und genau hier setzen der ADFC und lokale Initiativen an.
Wenn wir über „Engagement“ im Bereich Radverkehr sprechen, klingt das oft trocken nach Vereinssatzungen und Mitgliederversammlungen in Hinterzimmern. Die Wahrheit sieht anders aus. Es geht um die Frage, warum der Radweg an der Hauptstraße plötzlich im Nichts endet, warum Wurzelaufbrüche seit drei Jahren nur mit Warnbaken markiert statt repariert werden und wie wir es schaffen, dass Kinder wieder sicher allein zur Schule radeln können.
Warum wir eine Radlobby brauchen (und zwar eine laute)
Man muss sich nichts vormachen: Das Auto hat eine Lobby, die bis in die höchsten Regierungskreise bestens vernetzt ist. Dagegen wirkt die Interessenvertretung der Radfahrenden oft wie David gegen Goliath. Aber genau deshalb ist die Arbeit vor Ort, hier in Werne und im Kreis Unna, so fundamental wichtig.
In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass „lieb fragen“ selten dazu führt, dass Infrastruktur grundlegend umgebaut wird. Veränderungen im Straßenverkehr tun fast immer jemandem weh – meistens geht es um Parkplätze oder die Breite der Fahrbahn für den Autoverkehr. Ohne Gruppen wie den ADFC oder lokale Bündnisse wie Pro Rad Werne würde bei vielen Bauprojekten der Radverkehr einfach „vergessen“ oder mit der gesetzlichen Mindestbreite abgespeist werden.
Aus meiner Erfahrung in der Verkehrspolitik weiß ich: Verwaltungsmühlen mahlen nicht nur langsam, sie mahlen oft auch nach veralteten Mustern. Da wird eine Straße saniert und der Planer zeichnet den Radweg genau so ein, wie er 1980 schon war. Warum? Weil es den geringsten Widerstand erzeugt. Eine Radlobby grätscht genau da rein. Sie schaut auf die Pläne, bevor der Bagger anrollt, und fragt: „Ist das wirklich sicher? Entspricht das den aktuellen Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA)?“ Meistens lautet die Antwort nämlich: Nein.
Die Knackpunkte der lokalen Infrastruktur
Diese Webseite hat jahrelang dokumentiert, wo es hakt. Und sind wir mal ehrlich, die Liste der Mängel ist in vielen Kommunen ähnlich lang. Es reicht nicht, einfach ein rotes Fahrrad auf die Straße zu pinseln und das dann „Fahrradstraße“ zu nennen, wenn der Durchgangsverkehr trotzdem noch mit 50 km/h da durchbrettert.
Wenn wir uns die typischen Probleme anschauen, die hier immer wieder gemeldet wurden, ergibt sich ein klares Bild dessen, wo der Schuh drückt:
- Das leidige Thema der „Bettelampeln“. Nichts signalisiert einem Verkehrsteilnehmer so sehr „Du bist hier nur Gast“, wie wenn er erst einen Knopf drücken und dann zwei Minuten warten muss, während der Autoverkehr dauerhaft Grün hat. Intelligente Ampelschaltungen erkennen Radfahrer schon bei der Anfahrt – technisch ist das längst möglich, es muss nur bestellt und bezahlt werden.
- Schutzstreifen, die ihren Namen nicht verdienen. Oft sind diese gestrichelten Linien am Fahrbahnrand so schmal, dass man direkt in der „Dooring-Zone“ parkender Autos fährt. Wird eine Autotür geöffnet, hat man als Radfahrer keine Chance. Ein sicherer Radweg braucht bauliche Trennung oder zumindest einen Sicherheitsabstand zu Parkbuchten.
- Plötzliche „Radwegende“-Schilder. Jeder kennt diese Situation: Man fährt entspannt auf einem Radweg, und plötzlich zwingt einen die Verkehrsführung ohne Vorwarnung auf eine vierspurige Straße, genau zwischen LKW und Berufsverkehr. Das ist nicht nur stressig, das ist objektiv gefährlich und hält viele Menschen davon ab, aufs Rad zu steigen.
- Die Instandhaltung wird oft stiefmütterlich behandelt. Während Schlaglöcher auf der Fahrbahn oft binnen Wochen geflickt werden, bleiben Wurzelschäden auf Radwegen jahrelang bestehen. Das ist für ein Hollandrad vielleicht nur unbequem, für ein Lastenrad mit Kindern oder einen Senior auf dem E-Bike ist es ein echtes Sturzrisiko.
Mehr als nur Meckern: Wie konstruktives Engagement funktioniert
Es ist leicht, über die Zustände zu schimpfen – ich nehme mich da gar nicht aus, manchmal muss der Frust einfach raus. Aber diese Plattform und die Arbeit des ADFC Werne haben gezeigt, dass konstruktiver Druck wirkt. Es geht um den Dialog mit der Kommunalpolitik und der Verwaltung.
Ein wichtiges Werkzeug, das wir hier immer propagiert haben, ist der sogenannte Mängelmelder oder der „Radverkehrs-Check“. Städte sind oft gar nicht böswillig untätig, sondern schlicht überfordert oder blind für Details. Ein Bauhof-Mitarbeiter, der nur Auto fährt, sieht die Kante am Bordsteinstein vielleicht gar nicht als Problem. Wenn aber fünf Bürger unabhängig voneinander melden, dass diese Kante Felgen zerstört, passiert oft etwas.
So sieht effektive Einmischung aus:
Man geht in die Ausschusssitzungen. Der Ausschuss für Stadtentwicklung, Planung und Verkehr tagt öffentlich. Da sitzen oft nur drei Zuschauer – wenn da plötzlich zwanzig Radfahrer sitzen, ändert sich die Gesprächsatmosphäre der Politiker spürbar. Präsenz zeigt Relevanz.
Man schreibt Stellungnahmen. Wenn ein Bebauungsplan ausgelegt wird (das passiert ständig), kann jeder Bürger Einwände erheben. Wenn wir dort nicht reinschreiben „Hier fehlen vernünftige Abstellanlagen für Lastenräder“, dann baut der Investor eben keine. Kostet ja Geld.
Die Vernetzung macht den Unterschied. Ein einzelner Aktivist wird schnell als „Querulant“ abgestempelt. Tritt man aber als ADFC-Ortsgruppe oder als Bündnis auf, ist man ein Gesprächspartner, an dem der Bürgermeister nicht so einfach vorbeikommt.
Der Faktor Sicherheit und das subjektive Empfinden
Ein Punkt, der in den Diskussionen auf dieser Seite immer wieder hochkochte, war die Diskrepanz zwischen Unfallstatistik und Angstgefühl. Verkehrsplaner wedeln gerne mit Statistiken: „Hier ist seit drei Jahren kein schwerer Unfall passiert, die Kreuzung ist sicher.“
Das ist aber ein Trugschluss.
Viele Kreuzungen sind in der Statistik unauffällig, weil sie so offensichtlich gefährlich wirken, dass Radfahrer dort extrem defensiv fahren, absteigen oder die Stelle ganz meiden und Umwege fahren. Eine gute Radinfrastruktur misst sich nicht nur an der Abwesenheit von Toten, sondern daran, ob sich ein 10-Jähriges Kind und eine 80-jährige Dame dort sicher fühlen. Das nennt man „Subjective Safety“, und das war immer ein Kernanliegen unserer Berichterstattung.
Wenn Eltern ihre Kinder mit dem SUV zur Schule bringen („Elterntaxis“), dann tun sie das meist nicht aus Faulheit, sondern aus Angst um die Sicherheit ihrer Kinder. Diesen Teufelskreis – mehr Autos machen die Straßen unsicherer, weshalb noch mehr Leute Auto fahren – zu durchbrechen, ist die Herkulesaufgabe der lokalen Verkehrspolitik.
Projekte und Aktionen, die bewegen
Neben der harten politischen Kärrnerarbeit darf man das „Erlebnis Radfahren“ nicht vergessen. Denn Begeisterung schafft man nicht mit Paragraphen. In Werne und Umgebung gab es immer wieder Aktionen, die gezeigt haben: Wir sind viele.
- Die Kidical Mass ist so ein Beispiel. Wenn hunderte Kinder und Eltern die Straße erobern, geschützt durch die Polizei, erleben die Kleinen zum ersten Mal, wie es ist, Platz zu haben. Das verändert das Bewusstsein nachhaltig.
- Fahrradklima-Tests sind ein wichtiges Barometer. Alle zwei Jahre bewerten Radfahrer ihre Stadt. Das Ergebnis ist oft ein heilsamer Schock für die Lokalpolitik und liefert den Verbänden Munition für Forderungen. Werne muss sich hier immer wieder neu beweisen.
- Codier-Aktionen gegen Diebstahl. Ein profanes Thema, aber extrem wichtig. Nichts frustriert mehr, als wenn das teure E-Bike geklaut wird. Der ADFC bietet hier präventiven Schutz an, was auch immer eine gute Gelegenheit ist, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die sonst nichts mit Verkehrspolitik am Hut haben.
Wie geht es weiter?
Auch wenn diese Webseite in ihrer ursprünglichen Form als Nachrichtenportal vielleicht Geschichte ist, die Themen sind aktueller denn je. Die Verkehrswende passiert nicht von allein. Sie passiert auch nicht, indem man in Berlin Gesetze beschließt. Sie passiert konkret vor unserer Haustür, wenn entschieden wird, ob die neue Brücke einen baulich getrennten Radweg bekommt oder ob wieder nur Farbe auf den Asphalt gepinselt wird.
Es braucht Wachsamkeit. Man muss den Lokalteil der Zeitung lesen – und zwar zwischen den Zeilen. Wenn dort steht „Verkehrsfluss optimieren“, heißt das oft: Grüne Welle für Autos, Wartezeiten für alle anderen.
Ich habe über die Jahre gelernt: Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Manche Radwege, auf denen wir heute selbstverständlich fahren, sind das Ergebnis von zehn Jahren Diskussion, Anträgen, Ablehnungen und neuen Anträgen. Wer sich engagiert, braucht einen langen Atem, aber es ist das vielleicht befriedigendste Gefühl überhaupt, wenn man irgendwann über „seinen“ Radweg fährt und sieht, wie er von Pendlern und Schülern genutzt wird.
Der ADFC Werne und die lokalen Rad-Lobbys bleiben am Ball. Die Fahrräder werden mehr (und schneller, dank E-Antrieb), der Platz in der Stadt wird aber nicht mehr. Dieser Verteilungskampf muss fair geführt werden, und dafür braucht es weiterhin eine starke Stimme. Jeder, der nicht nur konsumieren, sondern gestalten will, ist eingeladen, diese Stimme zu verstärken. Sei es durch Mitgliedschaft, durch das Melden von Gefahrenstellen oder einfach durch die Teilnahme an der nächsten Demo.
