Wer hier in Werne schon einmal versucht hat, im Berufsverkehr über die B54 zu kommen – und zwar auf zwei Rädern, nicht in einer klimatisierten Blechkiste – der weiß: Papier ist geduldig. Besonders das Papier, auf dem Klimaschutzziele gedruckt sind.

Wir reden viel über die große Verkehrswende. In Berlin, in Brüssel. Aber die Wahrheit entscheidet sich nicht dort. Sie entscheidet sich bei uns vor der Haustür, wenn Sie morgens entscheiden: Nehme ich das Rad zum Bäcker oder doch wieder das Auto, „weil es ja regnen könnte“? Diese Webseite war lange Zeit das Sprachrohr für alle, die diese Entscheidung jeden Tag zugunsten des Rades treffen wollen, aber oft genug von der Infrastruktur ausgebremst werden.

Klimaschutz in Werne ist kein abstraktes CO2-Budget. Es ist die Frage, wie wir unsere Stadt lebenswert halten, ohne im Abgas der Blechlawine zu ersticken. Und ehrlich gesagt: Da liegt noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns.

Warum das Fahrrad unser wichtigster Klimaanwalt ist

Machen wir uns nichts vor. Der Verkehrssektor ist das Sorgenkind der Klimabilanz. Während andere Bereiche Emissionen senken, stagniert der Verkehr seit den 90ern. Warum? Weil die Autos effizienter wurden, wir aber dafür immer größere und schwerere Modelle fahren und damit auch noch längere Strecken zurücklegen.

In einer Stadt wie Werne ist das Potenzial riesig, das oft einfach liegen gelassen wird. Schauen Sie sich die Topografie an. Wir wohnen hier nicht im Schwarzwald oder in den Alpen. Werne ist platt. Das Münsterland fängt quasi vor der Haustür an. Es gibt eigentlich keine topografische Ausrede, hier nicht Rad zu fahren.

Das Problem sind die Kurzstrecken. Ein riesiger Teil der innerstädtischen Autofahrten in Werne ist kürzer als fünf Kilometer. Das ist genau die Distanz, bei der das E-Bike unschlagbar ist und das normale Rad zumindest konkurrenzfähig wäre – wenn die Wege stimmen würden. Jedes Mal, wenn ein Verbrenner für diese 3 Kilometer angeworfen wird, bläst er überproportional viel Schadstoffe raus, weil der Motor noch kalt ist. Das Lächerliche daran: Mit dem Auto stehen Sie dann an der Ampel am Stadtring, suchen Parkplätze und zahlen Gebühren.

Wir haben in unseren Berichten hier oft genug darauf hingewiesen: Die Verkehrswende ist eigentlich eine Flächengerechtigkeitswende. Ein parkendes Auto verbraucht 12 Quadratmeter öffentlichen Raum. Ein Fahrrad weniger als zwei. Wenn wir das Klima schützen wollen, müssen wir aufhören, den wertvollsten Platz in unserer Innenstadt für das Lagern von privatem Blech zu verschwenden.

Modal Split: Das Auto dominiert (noch)

Wenn man sich die Zahlen anschaut, kriegt man erst mal schlechte Laune. Der sogenannte „Modal Split“ – also die Aufteilung, welches Verkehrsmittel wie oft genutzt wird – ist in unserer Region immer noch stark PKW-lastig. Klar, wir haben hier viele Pendler. Wer nach Dortmund oder Münster zur Arbeit muss, greift oft zum Schlüssel und nicht zum Helm. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Es geht auch um Gewohnheiten, die tief sitzen. Über Jahre wurde die Infrastruktur in Werne, wie fast überall in Deutschland, autogerecht geplant. Radwege waren – wenn überhaupt vorhanden – oft nur „Restflächen“. Das rächt sich heute.

Hier sind ein paar Beobachtungen aus dem Alltag, die mehr sagen als trockene Statistiken:

  • Die morgendliche Situation vor den Schulen ist oft absurd. Eltern fahren ihre Kinder mit dem SUV fast bis in das Klassenzimmer, weil der Schulweg angeblich „zu gefährlich“ ist. Paradoxerweise sind es genau diese Elterntaxis, die die Gefahr für alle anderen Kinder erst erzeugen. Ein Teufelskreis aus Blech und Angst.
  • Schauen Sie sich Samstags die Parkplatzsuche rund um den Marktplatz an. Die Leute kreisen zehn Minuten, um fünfzig Meter Fußweg zu sparen. Mit dem Rad könnte man direkt vor dem Laden halten. Trotzdem gilt das Auto vielen immer noch als bequemer.
  • Der E-Bike-Boom bringt neue Probleme ans Licht, die vorher keiner auf dem Schirm hatte. Plötzlich sind viel mehr Senioren mobil, und die Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Radwegen steigt. Unsere schmalen Pfade, oft noch mit Baumwurzeln durchsetzt, sind für diesen Mischverkehr aus schnellen Pedelecs und wackeligen Kinderrädern gar nicht ausgelegt.
  • Wer versucht, vom Außenbereich – sagen wir aus Stockum oder Horst – sicher in die Stadt zu kommen, stößt schnell auf Lücken im Netz. Ein Radweg endet einfach im Nichts, oder man wird auf eine Landstraße gezwungen, wo Tempo 70 erlaubt ist, aber 100 gefahren wird. Da vergeht einem die Lust auf Klimaschutz schnell.

Um das zu ändern, müssen wir den Anteil des Radverkehrs drastisch erhöhen. Nicht um 2 oder 3 Prozent. Wir müssen in Richtung 25, 30 Prozent kommen, wie es unsere niederländischen Nachbarn vormachen. Und das geht nur, wenn Radfahren nicht als „Mutprobe“, sondern als die entspannteste Option wahrgenommen wird.

Initiativen für ein grünes Werne: Was läuft, was hakt?

Es ist nicht so, als würde gar nichts passieren. In den letzten Jahren hat sich der politische Wind etwas gedreht, auch wenn es sich manchmal anfühlt wie ein laues Lüftchen und nicht wie der nötige Sturm. Es gab diverse Beschlüsse im Stadtrat, und das Thema Radverkehrskonzept wurde endlich ernster genommen.

Als Portal haben wir oft über den „Runden Tisch Radverkehr“ oder ähnliche Gremien berichtet. Das Gute daran: Man redet miteinander. Verwaltung, Politik und Interessensvertreter. Das Schlechte: Bis aus einem Protokoll echter Asphalt wird, vergehen in Deutschland Jahre. Planungsverfahren sind zäh, Gelder müssen bewilligt werden, und wehe, ein Anwohner klagt.

Ein Beispiel für halbherzige Lösungen sind oft die Schutzstreifen. Sie wissen schon, diese gestrichelten Linien am Fahrbahnrand. Rechtlich darf man da als Autofahrer drüberfahren, wenn „Bedarf“ besteht. In der Praxis werden diese Streifen oft als „Kurzzeit-Parkplatz“ für Lieferdienste missbraucht oder von Autos so eng geschnitten, dass man als Radfahrer fast im Rinnstein landet. Wir haben immer wieder betont: Farbe ist keine Infrastruktur. Ein Strich auf der Straße schützt niemanden vor einem abbiegenden LKW.

Echte Initiativen, für die wir uns eingesetzt haben, sehen anders aus:

  • Baulich getrennte Radwege an Hauptverkehrsachsen sind das Ziel. Nur wenn eine physische Barriere da ist, fühlen sich auch unsichere Fahrer wohl.
  • Ein lückenloses Netz. Es bringt nichts, wenn 80 Prozent der Strecke super sind, aber die entscheidenden 200 Meter an der Kreuzung lebensgefährlich. Die Kette reißt am schwachsten Glied.
  • Fahrradstraßen, die diesen Namen auch verdienen. Nicht nur ein Schild aufstellen und hoffen. Autos müssen dort wirklich „zu Gast“ sein, Durchgangsverkehr muss rausgehalten werden. Sonst ist es reine Symbolpolitik.

Wer sich für die Details und die Historie dieser Kämpfe interessiert, sollte einen Blick in unser Archiv werfen oder sich über den aktuellen Stand politischer Entscheidungen informieren. Ein guter Startpunkt ist oft der Blick auf beschlossene Maßnahmen, die im Verkehrsentwicklungsplan festgehalten sind – auch um zu prüfen, was davon tatsächlich umgesetzt wurde.

Vision: Die autofreie Innenstadt

Jetzt wird es kontrovers. Sobald man das Wort „autofrei“ in den Mund nimmt, schreit der erste Einzelhändler auf: „Dann kommen keine Kunden mehr!“ Das ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält, obwohl Dutzende Studien aus ganz Europa das Gegenteil beweisen. Radfahrer und Fußgänger lassen oft mehr Geld im lokalen Handel als Autofahrer. Warum? Weil sie öfter kommen und spontaner anhalten können. Der Autofahrer kauft seinen Großeinkauf im Discounter auf der grünen Wiese – dort, wo es billig ist und Parkplätze gibt.

Eine Vision für Werne, die wir immer unterstützt haben, ist die schrittweise Umwidmung des Stadtkerns. Stellen Sie sich vor, der Bereich rund um den Markt und die angrenzenden Einkaufsstraßen wäre komplett tabu für private PKW (Anwohner und Lieferverkehr natürlich ausgenommen).

Die Aufenthaltsqualität würde explodieren. Cafés könnten mehr Tische rausstellen. Kinder könnten rennen, ohne dass Eltern Herzrasen bekommen. Die Luft wäre besser, der Lärmpegel niedriger. Das ist Klimaschutz, den man hören – oder besser: nicht hören – kann. In so einer Umgebung setzt man sich gerne aufs Rad.

Aber der Weg dahin ist steinig. Es braucht Mut in der Politik, Entscheidungen zu treffen, die vielleicht erst mal unbequem sind. Wenn Parkplätze wegfallen, gibt es Ärger. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber eine Verkehrswende, die niemandem wehtut, ist keine Wende, sondern Stillstand.

Kleine Schritte zählen auch

Man darf bei aller Visionärei den Kleinkram nicht vergessen. Manchmal sind es die banalen Dinge, die Leute vom Radfahren abhalten. Fehlende Abstellmöglichkeiten zum Beispiel. Wer sein teures E-Bike nirgendwo sicher anschließen kann, fährt damit nicht zum Arzt. Wir brauchten mehr „Vorderradklemmer-freie Zonen“ – also vernünftige Anlehnbügel, und zwar in ausreichender Menge.

Auch die Wartung der Wege ist essenziell. Ein Schlagloch, das einen Autofahrer kaum juckt, kann für einen Radfahrer im Dunkeln zum Sturz führen. Wir haben stets dazu aufgerufen, solche Dinge konsequent zu melden. Eine aktive Community, die der Verwaltung auf die Finger schaut, ist Gold wert. Nutzen Sie dafür gerne auch zukünftig die städtischen Kanäle oder schauen Sie bei lokalen Initiativen vorbei, die wir hier oft vorgestellt haben.

Am Ende des Tages ist Radfahren in Werne Klimaschutz zum Anfassen. Es spart Geld, es macht fit (auch wenn der Gegenwind auf dem Weg nach Stockum nervt), und es macht unsere Stadt leiser und sauberer. Wir haben vielleicht noch nicht Kopenhagener Verhältnisse, aber aufgeben ist keine Option. Werne hat das Zeug zur Fahrradstadt – wir müssen es nur endlich zulassen.