Ganz ehrlich: Wer den ganzen Tag im Büro gesessen hat oder in der Werkstatt stand, braucht keine Wissenschaft, um zu wissen, was fehlt. Bewegung. Luft. Und zwar nicht die aus der Klimaanlage.
Hier in Werne haben wir, so kritisch wir auch oft über die Radverkehrspolitik berichten (und dazu komme ich gleich noch, versprochen), eigentlich ziemliches Glück mit unserer Geografie. Wir müssen nicht erst eine Stunde mit dem Auto rausfahren, um Grün zu sehen. Fünf Minuten in die Pedale treten, und du bist an der Lippe oder mitten in den Feldern Richtung Münsterland.
Aber – und das ist ein großes Aber – „entspannt“ ist so ein Wort, das in Tourismusbroschüren immer toll klingt. Die Realität auf dem Sattel sieht manchmal anders aus. Schlaglöcher, die deine Handgelenke testen, Radwege, die plötzlich im Nichts enden, und Autofahrer, die den Mindestabstand für eine unverbindliche Empfehlung halten. Trotzdem: Die Feierabendrunde ist heilig. Lasst uns mal schauen, wo es sich in Werne wirklich lohnt und wo man eher die Zähne zusammenbeißen muss.
Die Sache mit der Lippe: Mehr als nur Wasser
Der Klassiker ist natürlich runter ans Wasser. Die Lippeauen sind nicht umsonst das Aushängeschild der Region. Wenn ich gegen 17:30 Uhr losfahre, zieht es mich oft automatisch Richtung Fluss. Warum? Weil es flach ist. Nach acht Stunden Arbeit hat keiner Lust auf die Anstiege Richtung Cappenberg – zumindest nicht, wenn man einfach nur den Kopf freikriegen will.
Was man aber wissen muss, bevor man sich blindlings auf den Weg macht:
- Der Untergrund wechselt hier schneller als das Aprilwetter. Wir reden von glattem Asphalt, der plötzlich in groben Schotter übergeht. Mit dem Rennrad und 23mm Reifen macht das keinen Spaß, ich spreche da aus leidvoller Erfahrung. Ein Trekkingrad oder Gravelbike ist hier Gold wert.
- Mücken sind ab Mai keine Theorie, sondern eine Plage. Wer am Wasser anhält, um die „Malerische Aussicht“ zu genießen, wird gefressen. Also: In Bewegung bleiben.
- Die Wege sind schmal. An schönen Sommerabenden teilen wir uns den Platz mit Spaziergängern, Hunden (manche angeleint, viele nicht) und anderen Radlern. Hier auf Bestzeit zu fahren, ist rücksichtslos und gefährlich. Fahrt gemütlich, klingelt früh – die meisten Leute machen freundlich Platz, wenn man sie nicht erst im letzten Moment erschreckt.
Mein persönlicher Favorit ist die Strecke Richtung Stockum und dann rüber nach Horst. Da ist es meistens ruhiger als direkt am Kanalknotenpunkt in Datteln oder Lünen. Das Licht, wenn die Sonne tief steht und sich im Wasser spiegelt, entschädigt für so manchen Stress im Job.
Ländlicher Raum: Varnhövel und die Bauernschaften
Wenn die Lippe zu voll ist, drehe ich ab in die Bauernschaften. Nördlich von Werne, Richtung Herbern oder Capelle, wird es richtig ländlich. Das ist verkehrstechnisch eine andere Welt als die Innenstadt.
Hier draußen ist das Hauptproblem meist nicht die Verkehrsmenge, sondern die Geschwindigkeit der wenigen Autos. Auf den schmalen Wirtschaftswegen brettern manche Einheimische (und Paketdienste!) durch, als gäbe es kein Morgen. Da wir hier über Verkehrssicherheit schreiben, ein ernster Rat: Fahrt hier defensiv. Auch wenn ihr Vorfahrt habt, rechnet immer damit, dass hinter der nächsten Kurve ein Traktor die ganze Breite einnimmt.
Was diese Routen aber unschlagbar macht, ist die Ruhe. Man hört oft nur das Surren der eigenen Kette und den Wind. Apropos Wind: Der kommt im Münsterland gefühlt immer von vorne, egal in welche Richtung man fährt. Das ist physikalisch unmöglich, fühlt sich aber so an. Plant das ein. Wer mit Rückenwind locker rausfährt, muss auf dem Rückweg gegen die Wand ankämpfen.
Infrastruktur-Check: Wo es hakt
Wir können hier nicht über Radtouren schreiben, ohne den Finger in die Wunde zu legen. Unser Portal beschäftigt sich schließlich mit den Mängeln im Netz. Eine „entspannte“ Feierabendtour endet schnell abrupt, wenn man an den bekannten Werner Problemstellen landet.
Nehmen wir zum Beispiel die Übergänge von den Radwegen auf die Straßen. Oft sind die Bordsteine nicht richtig abgesenkt. Das nervt nicht nur, das geht aufs Material. Wer hier regelmäßig fährt, kennt die Stellen und lupft das Vorderrad. Wer neu ist, riskiert einen Snakebite (Platten durch Durchschlag).
Außerdem sind viele der sogenannten „Fahrradstraßen“ oder Schutzstreifen eher gut gemeint als gut gemacht. Ein aufgemalter Strich auf der Straße schützt niemanden vor einem überholenden LKW. Auf der Feierabendrunde meide ich daher die großen Ausfallstraßen (B54!) konsequent, auch wenn es ein Umweg ist. Lieber fünf Minuten länger durchs Grüne, als fünf Sekunden Angstschweiß auf der Bundesstraße.
Feierabend heißt auch: Kein Leistungsdruck
Das Schöne an diesen kurzen Touren ist, dass man kein Equipment-Junkie sein muss. Man sieht an der Lippestraße manchmal Leute, die aussehen, als würden sie die Tour de France bestreiten – komplett in Lycra, Carbonrad, Aerhelm. Für eine 20-Kilometer-Runde um Werne? Kann man machen, muss man aber nicht.
Für die entspannte Runde reicht:
- Ein verkehrssicheres Rad (Licht checken! Es wird auch im Sommer irgendwann dunkel, und im Wald ist es schon früher duster).
- Bequeme Kleidung. Jeans gehen, solange sie nicht an der Kette schleifen. Hosenklammer oder einfach das rechte Hosenbein in die Socke stecken – sieht bescheuert aus, funktioniert aber seit 100 Jahren.
- Etwas zu trinken. Man unterschätzt den Durst, auch wenn es nicht brütend heiß ist.
Ich habe neulich mal jemanden mit einem alten Hollandrad gesehen, Korb vorne dran, der mich am Anstieg locker hat stehen lassen, weil er einfach entspannter war. Das Material ist zweitrangig. Wichtig ist, dass die Bremsen funktionieren und genug Luft auf den Reifen ist.
Der soziale Faktor: Abschluss am Markt
Eine gute Feierabendtour endet idealerweise nicht direkt vor der eigenen Haustür, sondern mit einem Zwischenstopp. Der Marktplatz in Werne ist im Sommer quasi das Wohnzimmer der Stadt. Hier treffen sich Rennradgruppen, E-Bike-Senioren und Pendler.
Es hat schon was, das Rad einfach mal an die Seite zu stellen (Schloss nicht vergessen, Gelegenheitsdiebe machen keinen Feierabend) und ein Radler oder eine Schorle zu trinken. Hier bekommt man auch am besten mit, was verkehrspolitisch gerade Sache ist. Man hört, wo gerade wieder eine Baustelle den Radweg blockiert oder wo endlich der Belag erneuert wurde.
Tatsächlich entstehen viele unserer Berichte für diese Webseite genau hier: Durch Zuhören. „Hast du gesehen, an der Kamener Straße ist wieder…“ – so fangen die besten Recherchen an.
Kleine Fluchten Richtung Cappenberg
Wer doch noch etwas Energie in den Beinen hat und wem die flache Lippe zu langweilig ist, der orientiert sich Richtung Süden. Cappenberg. Ja, es geht bergauf. Für Alpinisten ist das ein Witz, für uns Flachlandtiroler aus Werne ist das „der Berg“.
Der Anstieg lohnt sich aber. Oben angekommen hat man einen Blick, der die Mühe wert ist. Man kann bis ins Ruhrgebiet schauen, sieht die Kraftwerke (oder was davon übrig ist) und realisiert, wie grün unsere Region eigentlich ist. Die Abfahrt zurück nach Werne ist dann der eigentliche Lohn. Rollen lassen, Wind im Gesicht, Feierabend genießen.
Ein Tipp zur Route:
- Die Hauptstraße hoch zum Schloss ist oft stark befahren, besonders am Wochenende oder im Berufsverkehr.
- Sucht euch die Schleichwege über Langern. Da ist der Asphalt vielleicht nicht perfekt, aber ihr habt eure Ruhe.
- Aber Vorsicht im Herbst: Dort unter den Bäumen wird nasses Laub zur Schmierseife. Da hilft auch das beste Reifenprofil nichts mehr.
Fazit: Einfach machen
Am Ende ist es egal, ob ihr 10, 20 oder 50 Kilometer fahrt. Ob ihr an der Lippe langrollt oder euch in den Bauernschaften verliert. Wichtig ist für uns als Fahrrad-Portal, dass ihr fahrt. Jeder Kilometer auf dem Rad ist ein Argument mehr für bessere Infrastruktur.
Je mehr Leute wir auf den Radwegen sehen, desto weniger können Politik und Verwaltung uns ignorieren. Die Feierabendtour ist also nicht nur Entspannung für euch, sondern auch ein kleines politisches Statement. Wir sehen uns auf der Strecke – hoffentlich nicht vor einem Schlagloch.
