Wenn alle zwei Jahre die Ergebnisse des ADFC-Fahrradklima-Tests auf den Tisch kommen, hält man in den Ratsstuben und Planungsämtern kurz die Luft an. Für uns hier in Werne ist das mehr als nur eine statistische Spielerei. Es ist ein Zeugnis. Ein brutales, ehrliches Feedback von denen, die jeden Morgen über die Münsterstraße pendeln, die ihre Kinder in Stockum zur Schule schicken oder sich am Wochenende über die Holperstrecken im Außenbereich ärgern.

Wir schauen uns diese Zahlen nicht vom Schreibtisch aus an – wir kennen jeden kritisierten Meter Asphalt persönlich. Dieser Test ist das wichtigste Stimmungsbarometer, das wir haben, denn er misst nicht, wie viele Kilometer Radweg auf dem Papier existieren, sondern wie es sich anfühlt, hier Rad zu fahren. Und da klaffen Anspruch und Wirklichkeit oft weit auseinander.

Was der ADFC-Test wirklich aussagt (und was nicht)

Man muss verstehen, dass der Fahrradklima-Test rein subjektiv ist. Das ist seine Stärke, nicht seine Schwäche. Ingenieure können Kurvenradien und Belagsqualitäten messen, aber sie messen keine Angst. Wenn Sie sich auf einer „Schutzspur“ bedrängt fühlen, weil der LKW mit dreißig Zentimetern Abstand vorbeidonnert, dann ist das Radfahren dort objektiv vielleicht erlaubt, aber subjektiv eine Katastrophe.

Es geht beim ADFC-Test um simple, aber entscheidende Fragen: Macht das Radfahren Spaß oder ist es Stress? Werden Radwege im Winter geräumt oder stapelt man den Schnee von der Fahrbahn einfach auf dem Radstreifen? Fühle ich mich als Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse?

Ein schlechtes Abschneiden ist oft der einzige Hebel, um politische Veränderungen zu erzwingen. Wir haben das oft genug gesehen: Erst wenn die rote Laterne im Ranking droht, werden Budgets für die lokale Verkehrsplanung plötzlich freigegeben.

Werne im Fokus: Die Analyse der Ergebnisse

Schauen wir uns die Situation in Werne mal ohne die rosarote Brille der Stadtmarketing-Broschüren an. Die Noten, die Werne in den letzten Durchgängen erhalten hat, pendeln sich oft im trüben Mittelfeld ein. Eine „3“ oder „4“ nach Schulnotensystem klingt erst mal „befriedigend“, aber im Kontext der Verkehrswende ist das eigentlich ein „Setzen, sechs“.

Besonders auffällig sind die immer wiederkehrenden Schmerzpunkte, die Nutzer in den offenen Kommentaren des Tests bemängeln. Das deckt sich fast zu 100 Prozent mit den Meldungen, die wir hier im Portal über unseren Mängelmelder für Radwege reinbekommen.

Kritikpunkt Führung an Baustellen

Ein ewiges Ärgernis. Sobald in Werne irgendwo gebuddelt wird, verpufft der Radweg oft im Nichts. „Radfahrer absteigen“ ist keine verkehrsplanerische Lösung, es ist eine Kapitulationserklärung. Die Testteilnehmer strafen Werne hier regelmäßig ab, weil Umleitungen oft kilometerlange Umwege bedeuten oder schlichtweg in den fließenden Autoverkehr führen, ohne Warnung für die Autofahrer.

Das Gefühl der Unsicherheit

Hier wird es emotional. Viele Rückmeldungen drehen sich um das Thema „Mischverkehr“. Die Idee, Radfahrer auf die Straße zu holen, mag verkehrstheoretisch begründet sein – Stichwort Sichtbarkeit. Aber in der Praxis, besonders auf den Hauptverkehrsadern, führt das dazu, dass sich unsichere Fahrer, Senioren und Kinder komplett vom Radfahren verabschieden. Wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr alleine zur Schule radeln lassen, weil der Weg zu gefährlich wirkt, haben wir als fahrradfreundliche Stadt versagt.

Der Blick über den Tellerrand: Wie schlagen sich die Nachbarn?

Isoliert betrachtet kann man sich jede Note schönreden. Spannend wird es im Vergleich mit den Nachbarstädten im Kreis Unna oder dem Münsterland. Werne vergleicht sich gerne mit Städten ähnlicher Größenordnung, also etwa 20.000 bis 50.000 Einwohner.

Oft sehen wir, dass Städte im Münsterland (Richtung Nordkirchen oder Lüdinghausen) tendenziell besser abschneiden. Warum? Weil dort das Radfahren historisch tiefer in der DNA verwurzelt ist und die landwirtschaftlichen Wege besser vernetzt sind. Im südlichen Kreisgebiet kämpfen Städte wie Kamen oder Bergkamen mit ähnlichen Problemen wie wir: viel Schwerlastverkehr, alte Industriestrukturen und Straßen, die in den 70ern rein fürs Auto gebaut wurden.

Aber: „Die anderen sind auch nicht besser“ ist keine Strategie. Wenn wir sehen, dass Kommunen mit ähnlichen Budgets plötzlich bessere Noten bei der Fahrradinfrastruktur erzielen, müssen wir fragen: Was machen die anders? Meistens ist es der Mut, dem Auto auch mal Platz wegzunehmen.

Wo Werne dringend nachbessern muss

Aus den Daten des Fahrradklima-Tests und unseren eigenen Beobachtungen vor Ort lassen sich ganz klare Handlungsfelder ableiten. Es reicht nicht, hier und da ein Piktogramm auf den Boden zu malen.

  • Während die Innenstadt für Radfahrer durchaus charmant sein kann, gleicht die Oberfläche vieler Verbindungswege in die Ortsteile einem Flickenteppich. Wurzelaufbrüche werden oft jahrelang nur mit Kaltasphalt provisorisch geflickt, was nach einem Winter wieder aufbricht. Das kostet Nerven und Material.
  • Ein riesiges Thema ist die Falschparker-Situation. Radschutzstreifen werden, besonders in den Abendstunden oder an Bäckereien („Nur mal kurz Brötchen holen“), konsequent zugeparkt. Wenn das Ordnungsamt hier nicht kontrolliert, wird der Radstreifen zur Farce. Das spiegelt sich massiv in der Unzufriedenheits-Note wider.
  • Die Ampelschaltungen in Werne sind oft noch streng „Auto first“ getaktet. Wer als Radfahrer an jeder Kreuzung absteigen muss, um einen Bettelknopf zu drücken, und dann trotzdem zwei Phasen wartet, verliert die Lust. Eine grüne Welle für Radfahrer? In weiten Teilen Fehlanzeige.
  • Winterdienst ist mehr als eine nette Geste. Wenn die Hauptstraßen morgens um 7 Uhr schwarz geräumt sind, aber der parallel verlaufende Radweg eine Eispiste bleibt, zwingt man Radfahrer entweder ins Auto oder ins Krankenhaus. Hier hagelt es im ADFC-Test regelmäßig Kritik.

Fazit und Ausblick

Der Fahrradklima-Test ist kein Wettbewerb um goldene Plaketten. Er ist ein Arbeitsauftrag. Für Werne bedeutet das Ergebnis in der Regel: Wir sind auf dem Weg, aber wir trödeln.

Es gibt positive Initiativen und erste Schritte in die richtige Richtung – etwa bei der Öffnung von Einbahnstraßen in Gegenrichtung, was in Werne mittlerweile gut funktioniert. Aber die großen Würfe, die echten, baulich getrennten Radwege an Hauptstraßen und ein lückenloses Netz ohne „Angsträume“, die fehlen noch.

Wir werden die Ergebnisse weiter sezieren und den Verantwortlichen im Stadthaus damit auf die Nerven gehen. Denn am Ende wollen wir keine guten Noten auf dem Papier. Wir wollen sicher und entspannt durch unsere Stadt fahren.