Wenn der Laptop endlich zugeklappt ist und der Kopf immer noch brummt, gibt es in Werne eigentlich nur ein wirksames Gegenmittel: Raus aufs Rad. Wir reden hier nicht von der großen Sonntagstour mit Satteltaschen und Picknickkorb. Wir reden vom Feierabend-Reset. Kopf aus, Beine an.
Wer unsere Berichte zur lokalen Verkehrspolitik hier auf der Seite verfolgt, weiß, dass wir mit der Radinfrastruktur in Werne oft hart ins Gericht gehen. Es gibt genug Ecken, wo Radwege abrupt im Nichts enden oder der Asphalt eher an einen Schweizer Käse erinnert. Aber – und das muss man fairerweise sagen – für die kurze Flucht aus dem Alltag bietet unsere Umgebung, gerade in Richtung Lippetal oder hinüber ins Münsterland, verdammt gute Möglichkeiten, für eine Stunde komplett abzutauchen.
Warum „kurz und knackig“ oft besser ist als lang und geplant
Das Problem bei der großen Tourenplanung ist doch meistens die Hürde im Kopf. Wenn ich erst noch drei Karten studieren und Proviant schmieren muss, bleibe ich am Ende doch auf dem Sofa. Die perfekte Feierabendrunde muss also direkt vor der Haustür starten. Kein Autoträger, keine Anfahrt.
In Werne haben wir den Luxus, dass man eigentlich von jedem Stadtteil aus innerhalb von fünf Minuten im Grünen steht. Egal ob man in Stockum wohnt, am Stadtsee oder mitten im Zentrum – die Felder sind nah. Für mich persönlich liegt der ideale „Sweetspot“ für so eine Dienstagsabend-Runde zwischen 15 und 25 Kilometern. Das schafft man auch im Herbst noch vor Einbruch der Dunkelheit, und es reicht, um den Bürostuhl aus den Gliedern zu schütteln.
Meine Top 3: Wo es rollt (und wo man aufpassen muss)
Ich habe über die Jahre ein paar Standard-Routen entwickelt, die ich fast blind fahren kann. Dabei versuche ich natürlich, die bekannten Problemstellen im Werner Radnetz zu umgehen, auch wenn das nicht immer ganz klappt.
1. Die „Lippe-Auen-Schleife“ (ca. 16 km)
Das ist der Klassiker zum Runterkommen. Man startet am besten Richtung Süden, vorbei am Solebad. Hier direkt der erste Tipp: Meiden Sie zu Stoßzeiten die direkte Verbindung über die Kamener Straße, wenn Sie an Ihrem Leben hängen. Fahren Sie lieber „hintenrum“ über die kleinen Wirtschaftswege Richtung Stockum.
Sobald man die Lippebrücke überquert hat, ändert sich die Luft. Es wird feuchter, kühler. Der Weg entlang des Damms ist landschaftlich kaum zu schlagen, besonders wenn die Sonne tief steht und sich im Wasser spiegelt. Aber Vorsicht: Der Belag wechselt hier gerne mal von akzeptablem Schotter zu etwas, das ich liebevoll „Rüttelplatte“ nenne. Mit einem Rennrad und 23mm Reifen macht das keinen Spaß, da braucht man schon etwas mehr Gummi zwischen sich und dem Boden. Mit dem Gravelbike oder Trekkingrad ist es aber ein Traum.
Zurück geht es dann oft über die Fischerhof-Ecke. Da gab es ja lange Diskussionen über die Wegbeschaffenheit, die wir auch im Mängelmelder dokumentiert haben, aber für eine entspannte Runde reicht es allemal.
2. Die „Cappenberger Waden-Test“ (ca. 22 km)
Wer Aggressionen abbauen muss, braucht Steigung. Nun ist Werne nicht gerade für seine alpinen Pässe bekannt, aber Richtung Cappenberg lässt sich der Puls durchaus hochtreiben. Ich fahre gerne über Langern raus. Die Landschaft wird hier welliger, und man merkt plötzlich, dass man arbeiten muss.
Der Anstieg zum Schloss hoch ist kurz, aber ehrlich. Oben angekommen hat man – sofern man nicht direkt wieder runterrollt – einen Weitblick, der den Schweiß wert ist. Das Problem an dieser Route ist leider oft der Berufsverkehr, der sich als Abkürzung durch die Bauernschaften schiebt. Es ist ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel: Findet man den Wirtschaftsweg, den das Navi nicht kennt, oder muss man sich die Straße mit einem ungeduldigen Pendler teilen?
Mein Rat: Fahren Sie diese Runde eher gegen 19 Uhr, wenn der „Rush Hour“-Wahnsinn durch ist. Dann gehört die Straße fast Ihnen und den Hasen.
3. Der „Münsterland-Sprint“ Richtung Herbern (ca. 18 km)
Wenn es einfach nur ums „Rollen lassen“ geht. Richtung Norden, raus aus Werne, wird es flach und weit. Hier ist der Wind der einzige wirkliche Gegner. Es gibt Tage, da fühlt man sich auf dem Hinweg wie Jan Ullrich zu seinen besten Zeiten (Rückenwind), nur um auf dem Rückweg festzustellen, dass man doch eher Hobbyfahrer ist (Gegenwindwand).
Die Wege sind hier größtenteils asphaltiert und in einem Zustand, den ich mir für die Innenstadt von Werne wünschen würde. Man kann hier wirklich Strecke machen, ohne alle fünf Meter einem Schlagloch auszuweichen. Perfekt für Rennradfahrer, die einfach mal 45 Minuten Druck auf das Pedal bringen wollen, ohne groß zu lenken.
Versteckte Ecken und der „Pausen-Faktor“
Eine Feierabendtour muss nicht immer Sport sein. Manchmal geht es nur darum, an einen anderen Ort zu kommen. Ich lande oft an der Saline. Ja, es klingt klischeehaft, aber setzen Sie sich mal nach 15 Kilometern dort auf eine Bank und atmen fünf Minuten tief durch. Die salzige Luft wirkt Wunder, fast wie ein Kurzurlaub, der nur nichts kostet.
Ein anderer Punkt, den viele übersehen, sind die kleinen Brücken über die Horne. Manche sind so versteckt, dass man sie kaum findet, wenn man nicht explizit danach sucht. Dort ist es oft totenstill, mitten in der Stadt.
Aber bleiben wir realistisch: Die Infrastruktur macht es einem nicht immer leicht, diese Orte zu genießen. Wer versucht, sein teures E-Bike am Marktplatz sicher anzuschließen, während er sich ein Eis gönnt, kennt das Problem mit den mangelhaften Abstellanlagen. Wir haben dazu schon diverse Anträge der Stadtverwaltung kommentiert – schauen Sie gerne mal in unser Archiv unter Radverkehrskonzept, da sieht man, wie zäh solche Verbesserungen leider oft sind.
Ausrüstung: Was muss wirklich mit?
Ich sehe immer wieder Leute, die für 20 Kilometer packen, als wollten sie den Jakobsweg bezwingen. Das killt den Spaß. Für die schnelle Feierabendrunde in Werne gilt Minimalismus.
- Ganz oben auf der Liste steht Licht, und zwar gutes. Auch im Sommer. Wenn man sich verquatscht oder doch noch den Schlenker über Stockum dranhängt, wird es im Wald schneller dunkel, als man denkt. Und die Wirtschaftswege sind stockfinster.
- Ein Minitool und eine Pumpe gehören in jede Trikottasche. Wer mal am Sonntagabend fünf Kilometer vom Werner Stadtkern entfernt einen Platten hatte und schieben musste, weiß, wie lang sich die B54 ziehen kann.
- Trinken wird oft überschätzt bei Strecken unter einer Stunde. Wenn es nicht gerade 30 Grad sind, reicht eine kleine Flasche. Oder man plant die Route so, dass man am Ende am Biergarten landet – was in Werne ja glücklicherweise an mehreren Stellen möglich ist.
- Was ich mir mittlerweile angewöhnt habe: Ein Foto vom Mangel machen, wenn mir was auffällt. Wenn der Radweg wieder zugewuchert ist oder eine Baustelle „Radfahrer absteigen“ fordert, ohne eine Alternative zu bieten. Das Handy ist also nicht nur für Selfies, sondern auch, um Druck auf die Verwaltung auszuüben.
Fazit: Einfach machen
Man kann lange über die perfekte Route philosophieren oder sich über die fehlende Fahrradstraße in der Innenstadt ärgern (tun wir ja auch oft genug). Aber am Ende des Tages ist auch eine 10-Kilometer-Runde über holprigen Asphalt besser als ein Abend auf der Couch.
Werne ist, bei aller berechtigten Kritik an der Verkehrspolitik, ein verdammt schöner Flecken Erde, um Rad zu fahren. Die Mischung aus Flusslandschaft, leichtem Hügelland und den typisch münsterländischen Parklandschaften ist schon speziell. Man muss nur die Augen aufhalten – für die schönen Momente und für die Schlaglöcher.
