Werne könnte ein Paradies für Radfahrer sein – flach, überschaubar, theoretisch perfekt. Die Realität sieht für viele von uns, die hier täglich in die Pedale treten, anders aus. Manchmal fühlt man sich auf dem Sattel eher wie Freiwild als wie ein gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer.
Wer morgens durch den Berufsverkehr muss oder versucht, sicher von Stockum in die Innenstadt zu kommen, kennt die Stellen, an denen der Puls automatisch hochgeht. Es geht hier nicht um bloßes Jammern über schlechtes Wetter oder Gegenwind. Es geht um bauliche Mängel, unübersichtliche Kreuzungen und Verkehrsführungen, die Radfahrer schlichtweg „vergessen“ zu haben scheinen. Als wir dieses Portal für den Radverkehr in Werne ins Leben gerufen haben, war uns klar: Wir müssen den Finger in die Wunde legen. Und zwar genau dort, wo es wehtut und gefährlich wird.
Lassen Sie uns Klartext reden über die schwarzen Schafe unserer lokalen Infrastruktur.
Der Klassiker: Wo der Radweg einfach „verschwindet“
Kennen Sie das? Sie fahren entspannt auf einem rot gepflasterten Streifen, fühlen sich sicher, und plötzlich – Zack – Ende Gelände. Ohne Vorwarnung werden Sie in den fließenden Kfz-Verkehr gespuckt. In Werne ist das leider kein Einzelfall, sondern fast schon so etwas wie eine bauliche Tradition. Diese abrupten Übergänge sind kritisch, weil Autofahrer an diesen Stellen oft nicht damit rechnen, dass der Radfahrer nun plötzlich „ihre“ Spur mitbenutzt.
Das Problem liegt oft in der Historie. Viele unserer Radwege wurden angelegt, als das Fahrrad noch als reines Freizeitgerät für den Sonntagsausflug galt, nicht als ernsthaftes Verkehrsmittel für den Weg zur Arbeit. Man hat Lücken gelassen, wo der Platz eng wurde. Genau diese Lücken sind heute die Unfallschwerpunkte. Ein Flickenteppich ist vielleicht charmant bei einer alten Steppdecke, aber tödlich im Straßenverkehr.
Wenn wir uns die aktuelle Verkehrsplanung ansehen, müssen wir genau auf diese Nahtstellen pochen. Ein Radweg, der nicht durchgängig sicher ist, ist im Grunde gar nicht sicher.
Die Mär vom „Schutzstreifen“
In den letzten Jahren hat sich eine Seuche auf unseren Straßen breitgemacht: die gestrichelte Linie am Fahrbahnrand. Offiziell heißt das „Schutzstreifen“. In der Praxis nennen es viele Radaktivisten hier nur den „Todesstreifen“. Das klingt hart, hat aber einen wahren Kern.
Das psychologische Problem bei diesen Markierungen ist fatal:
- Autofahrer nehmen die gestrichelte Linie als feste Begrenzung wahr und überholen oft ohne den gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von 1,50 Metern. „Ich bin ja auf meiner Spur geblieben“, heißt es dann.
- Als Radfahrer wird man an den absoluten Rand gedrängt, genau dorthin, wo sich Gullideckel absenken, Glasscherben sammeln und der Asphalt aufbricht.
- Noch schlimmer wird es, wenn diese Streifen neben Parkbuchten verlaufen. Wer hier fährt, befindet sich permanent in der „Dooring-Zone“. Geht eine Autotür auf, haben Sie keine Chance auszuweichen, weil links der LKW drängelt.
Ich habe Diskussionen im Ausschuss verfolgt, wo diese Streifen als große Errungenschaft für die Radinfrastruktur verkauft wurden. Billig in der Umsetzung, ja. Aber sicherheitstechnisch oft ein Rückschritt gegenüber einer echten baulichen Trennung. Farbe ist keine Infrastruktur.
Knotenpunkte des Risikos: Wenn Abbiegen zum Glücksspiel wird
Die meisten schweren Unfälle passieren nicht auf gerader Strecke, sondern dort, wo sich Wege kreuzen. In Werne haben wir einige Kreuzungen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen, besonders wenn man den Schulweg der Kinder im Kopf hat.
Das Hauptproblem ist der „Rechtsabbieger“. LKW- und Autofahrer, die nach rechts abbiegen, haben oft den berühmten toten Winkel. Zwar gibt es mittlerweile technische Assistenten und Spiegel, aber verlassen Sie sich bloß nicht darauf. Viele Kreuzungsdesigns in unserer Stadt führen den Radverkehr im toten Winkel parallel zum Auto bis zur Haltelinie.
Es gibt Kreuzungen, da stehen Sie als Radfahrer grün, das Auto neben Ihnen auch. Das Auto biegt rechts ab, Sie wollen geradeaus. Theoretisch haben Sie Vorfahrt. Praktisch haben Sie im Zweifelsfall gebrochene Knochen. Wir brauchen hier dringend getrennte Ampelphasen – erst fahren die Radler und Fußgänger, dann der motorisierte Verkehr. Alles andere ist russisches Roulette zu Stoßzeiten.
Ländliche Verbindungen: Dunkelheit und Tempo
Werne ist nicht nur Innenstadt. Wer aus den Ortsteilen wie Stockum, Horst oder Langern kommt, erlebt ganz andere Gefahren. Hier sind es oft die hohen Geschwindigkeitsdifferenzen. Auf den Landstraßen wird 70 oder 100 km/h gefahren. Wenn dort der separate Radweg fehlt oder – was oft vorkommt – durch Wurzelaufbrüche unbefahrbar ist, weichen Radfahrer auf die Straße aus.
Ein Rennradfahrer mag mit Tempo 30 noch einigermaßen im Fluss mitschwimmen, aber denken Sie an Senioren auf dem E-Bike oder Jugendliche. Wenn Autos mit 100 Sachen vorbeidonnern, entsteht ein Sog, der einen unsicheren Fahrer buchstäblich vom Sattel holen kann.
Dazu kommt im Herbst und Winter die Beleuchtungssituation. Viele Verbindungswege sind stockfinster. Das mag romantisch klingen, ist aber brandgefährlich, wenn der Weg voller nassem Laub liegt und man die Kante zum Graben nicht mehr sieht. Gute Infrastruktur hört nicht an der Ortsgrenze auf. Wir haben im Radwegenetz immer wieder darauf hingewiesen, dass Beleuchtung an Hauptverbindungsachsen kein Luxus ist, sondern Notwendigkeit.
Zustand der Wege: Der unsichtbare Feind
Man muss nicht immer mit einem Auto kollidieren, um zu verunfallen. Oft reicht schon der Zustand des Weges selbst. Ich bin neulich eine Strecke gefahren, die ich eigentlich mochte, bis ich fast über einen Wurzelaufbruch geflogen bin, der den Asphalt um satte zehn Zentimeter angehoben hat. Solche „Schanzen“ sieht man bei tiefstehender Sonne oder Regen kaum.
Instandhaltung ist ein riesiges Thema. Es werden oft neue Wege mit viel Pomp eröffnet und Bändchen durchschnitten. Aber wer kümmert sich fünf Jahre später darum, wenn das Unkraut die Breite halbiert oder der Belag bröckelt? Ein Radweg voller Schlaglöcher zwingt Radfahrer zu Schlangenlinien. Und Schlangenlinien im Straßenverkehr führen zu Missverständnissen mit Autofahrern.
Schauen Sie sich die Meldungen in unserem Mängelmelder an. Ein Großteil der Beschwerden betrifft gar nicht komplexe Kreuzungen, sondern simplen Pfusch in der Wartung: Rutschige Metallplatten bei Baustellen, nicht geräumtes Laub im November oder Poller, die so ungünstig mitten auf dem Weg stehen, dass man sie nachts erst sieht, wenn es zu spät ist.
Subjektive vs. Objektive Sicherheit
Interessant ist oft der Unterschied zwischen dem, was die Unfallstatistik sagt, und dem, was wir fühlen. Die Polizei führt Statistiken über „Unfallschwerpunkte“. Da tauchen Orte auf, an denen es häufig kracht. Aber was ist mit den Straßen, die so gefährlich aussehen, dass sich dort gar kein Radfahrer hintraut?
Diese Orte tauchen in keiner Unfallstatistik auf, weil dort niemand fährt. Das ist die sogenannte „unterdrückte Nachfrage“. Eltern lassen ihre Kinder dort nicht fahren. Senioren schieben lieber. Das sind für uns genauso Gefahrenstellen, auch wenn es kein Blechschaden-Protokoll dazu gibt. Sie zerschneiden das Netz und machen das Fahrrad als Verkehrsmittel unattraktiv. Eine echte Analyse muss also auch die „Angsträume“ mit einbeziehen, nicht nur die Polizeiberichte.
Lösungsansätze: Was jetzt passieren muss
Wir können noch jahrelang analysieren, aber eigentlich wissen wir, was zu tun ist. Die Lösungen liegen auf dem Tisch, sie kosten nur Geld und manches Mal auch den Mut, dem Auto etwas Platz wegzunehmen.
1. Bauliche Trennung statt Farbe
Wo immer es die Breite zulässt, muss der Radverkehr physisch vom Autoverkehr getrennt werden. Bordsteine, Poller oder Grünstreifen retten Leben. Farbe tut das nicht.
2. Sichtachsen freiräumen
Viele Ausfahrten sind zugewuchert oder mit Werbeschildern zugestellt. Wenn ich als Radfahrer den Kopf recken muss, um um eine Hecke zu schauen, und dabei mit dem Vorderrad schon auf der Straße stehe, ist das Design gescheitert. Hier muss das Ordnungsamt konsequenter durchgreifen.
3. Einfärbung von Konfliktzonen
An kritischen Einmündungen muss der Asphalt rot sein. Nicht nur ein bisschen, sondern flächig. Das signalisiert jedem Verkehrsteilnehmer sofort: „Achtung, hier kreuzt jemand.“ Es ist eine primitive Maßnahme, die aber die Aufmerksamkeit nachweislich erhöht.
4. Tempo runter
In engen Wohnstraßen, die von Radfahrern als Schleichwege genutzt werden, hat Tempo 50 nichts verloren. Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit würde viele Gefahrensituationen entschärfen, schlicht weil der Bremsweg kürzer ist und die Reaktionszeit länger.
Fazit: Augen auf und Mund aufmachen
Bis sich die großen Räder der Hiesigen Politik gedreht haben, liegt es an uns selbst, wachsam zu bleiben. Fahren Sie defensiv, rechnen Sie mit den Fehlern der anderen – das ist der übliche Rat. Aber ich sage auch: Hören Sie nicht auf, Mängel zu melden.
Jede gemeldete Gefahrenstelle, jedes Foto von einem zugeparkten Radweg und jede Beschwerde über eine unsinnige Ampelschaltung erzeugt Druck. Werne hat das Potenzial zur Fahrradstadt, aber der Weg dahin ist – wortwörtlich – noch voller Schlaglöcher. Passen Sie auf sich auf da draußen.
