Wer in Werne aufgewachsen ist oder schon länger hier radelt, kennt den Spruch: Der einzige Berg im Münsterland ist der Wind. Und ganz ehrlich, das stimmt. Wer hier sportlich unterwegs ist, sucht vergeblich nach den endlosen Serpentinen der Alpen, aber das heißt nicht, dass man hier keine brennenden Oberschenkel bekommt.
Normalerweise reden wir auf diesem Portal über Pendlerstrecken, sichere Schulwege oder lokale Verkehrsplanung, die uns im Alltag betrifft. Aber am Wochenende, wenn der Laptop zugeklappt ist, tauschen viele von uns die Jeans gegen Lycra oder die Baggy-Shorts. Werne liegt geographisch fast perfekt: Ein Bein im Ruhrgebiet, das andere im Münsterland. Das eröffnet Optionen für Rennradfahrer, Gravel-Piloten und – mit Einschränkungen – auch für Mountainbiker, die wissen, wo sie suchen müssen.
Rennrad: Druck auf dem Pedal zwischen Lippeblitz und Schlösser-Route
Wenn ich mein Rennrad aus dem Keller hole, steuere ich meistens direkt nach Norden. Sobald man die Stadtgrenzen von Werne Richtung Herbern, Capelle oder Nordkirchen passiert, öffnet sich dieses riesige Netz aus Wirtschaftswegen. Das ist für mich die eigentliche Stärke unserer Region. Man kann stundenlang fahren, ohne nennenswerten Autoverkehr, wenn man die Hauptachsen wie die B54 meidet (und das solltet ihr, der Verkehr dort macht keinen Spaß).
Die Asphaltqualität schwankt allerdings gewaltig. Es gibt Abschnitte in den Bauerschaften rund um Stockum, da rollt es wie auf einer frisch gebügelten Renntcke. Zwei Kilometer weiter schüttelt es einem fast die Plomben aus den Zähnen, weil der letzte Winter den Belag gesprengt hat. Das ist auch immer wieder Thema in unseren Diskussionen zur Meldung von Radwegschäden – was für den Pendler nervig ist, kann für den Rennradfahrer bei 35 km/h im Windschatten gefährlich werden.
Trotzdem, hier sind meine Favoriten für die schmalen Reifen:
- Richtung Cappenberg: Das ist das Nächste, was wir an „Höhenmetern“ haben. Der Anstieg zum Schloss ist kurz, aber knackig genug, um den Puls hochzutreiben. Oben hat man einen der wenigen weiten Ausblicke über die Lippe-Niederungen.
- Die Schlösser-Runde: Von Werne aus nach Nordkirchen und Westerwinkel. Das ist der Klassiker. Flach, verdammt schnell, aber windanfällig. Wenn der Westwind bläst, ist der Rückweg nach Werne reine Charakterbildung.
- Richtung Drensteinfurt: Hier sind die Wirtschaftswege oft etwas breiter und übersichtlicher. Gut für Gruppenfahrten, wenn man nebeneinander fahren will.
Ein Wort zur Technik hier draußen: Ich fahre mittlerweile 28mm oder sogar 30mm Reifen. Die Zeiten von steinhart aufgepumpten 23mm Pneus sind vorbei, besonders wenn man mal unverhofft auf einem Stück „Bauern-Roubaix“ (Kopfsteinpflaster oder brüchiger Teer) landet.
Gravel: Das Beste aus beiden Welten
Eigentlich ist Werne und Umgebung das ideale Gravel-Revier. Warum? Weil wir diese unzähligen Übergänge haben. Es gibt hier dieses typische „Pättkes“-Profil: Ein Kilometer Teer, dann zwei Kilometer Schotter, dann ein Stück Waldweg, dann wieder Straße.
Besonders die Wege entlang des Datteln-Hamm-Kanals und der Lippe sind Gold wert, wenn man dem Verkehr komplett entkommen will. Der Kanaluferweg ist meistens gut festgefahrener feiner Schotter – manchmal auch etwas grober Splitt, je nachdem, wann das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt zuletzt ausgebessert hat.
Was beim Graveln rund um Werne auffällt: Man muss flexibel in der Routenplanung sein. Oft enden vermeintlich durchgehende Wege an einem Hof oder einer Weide. Wer stur nach Komoot-Automatik fährt, landet schon mal im Maisfeld. Die besten Routen findet man durch Ausprobieren. Ein heißer Tipp ist die Verbindung Richtung Marina Rünthe und weiter zu den Halden im Süden, oder nördlich durch die Waldgebiete bei Cappenberg (wobei man hier höllisch auf die Reitwege-Regelung achten muss, dazu gleich mehr).
Ein Gravelbike ist hier oft tatsächlich das schnellere Fortbewegungsmittel im Vergleich zum Rennrad, einfach weil man die Abkürzungen durch den Wald oder am Kanal nehmen kann, ohne Angst um die Felgen zu haben.
Mountainbike: Ehrlich sein tut weh
Reden wir Tacheles: Werne ist kein Bikepark. Wer nach Enduro-Trails, riesigen Drops oder alpinen Steinfeldern sucht, ist hier falsch. Das Mountainbike kommt hier eher im Cross-Country-Modus zum Einsatz. Es geht um Strecke machen auf unbefestigtem Boden, weniger um Adrenalin bergab.
Die lokalen Wälder – allen voran der Cappenberger Wald – sind landschaftlich schön, aber verkehrspolitisch ein Minenfeld für Biker. In NRW gilt zwar grundsätzlich das Betretungsrecht im Wald, aber das Fahren abseits fester Wege ist tabu. Und „fester Weg“ ist Auslegungssache, führt aber regelmäßig zu Konflikten mit Wanderern, Förstern und Reitern. Gerade im Cappenberger Forst sind die Fronten teilweise verhärtet. Fahrt bitte nicht querfeldein durchs Unterholz. Das schadet nicht nur dem Image aller Mountainbiker, sondern stört auch das Wild massiv.
Trotzdem gibt es Optionen:
- Die Halden im Ruhrgebiet: Von Werne aus ist es nur ein Katzensprung nach Bergkamen (Halde Großes Holz). Dort findet man tatsächlich Höhenmeter und angelegte Wege, die auch technisch ein bisschen was fordern, wenn man die steilen Rampen nimmt.
- Die Lippeauen (mit Vorsicht): Hier ist Naturschutzgebiet. Bleibt auf den Deichen und erlaubten Wegen. Es ist landschaftlich der Hammer, besonders im Herbstnebel, aber kein Platz für wilde Trail-Manöver.
Der „Knigge“ auf dem Wirtschaftsweg
Da wir uns als Portal auch immer für das Miteinander einsetzen, hier ein Punkt, der mir am Herzen liegt. Auf den Wirtschaftswegen rund um Werne ist es im Sommer voll. Da treffen E-Bike-Seniorengruppen auf Rennrad-Pelotons, die mit 40 km/h trainieren, und dazwischen rangiert ein Landwirt seinen Mähdrescher.
Es gab in den letzten Jahren immer wieder Ärger, weil einige Sportradler meinten, die Straße gehöre ihnen allein. Das funktioniert hier nicht.
Wenn ein Traktor kommt: Macht Platz. Der Fahrer macht seinen Job, wir machen unser Hobby. Die Wirtschaftswege sind primär für die Landwirtschaft da, wir werden nur geduldet. Ein freundliches Handzeichen, wenn der Bauer kurz wartet, wirkt Wunder. Und nutzt eine Klingel. Ja, auch am 8.000 Euro Carbon-Renner. Wanderer oder Spaziergänger zu erschrecken, indem man lautlos von hinten vorbeischießt, hilft niemandem – und führt nur dazu, dass die Rufe nach Streckensperrungen lauter werden.
Vereine und Anschluss finden
Wer nicht gerne alleine gegen den Wind kämpft, sollte sich die lokale Vereinsszene anschauen. Der RSC Werne (Radsportclub 79 Werne e.V.) ist eine Institution hier. Die bieten nicht nur die klassische RTF (Radtourenfahrt) an, die jedes Jahr hunderte von Fahrern nach Werne zieht, sondern haben auch regelmäßige Trainingstreffs.
Das Fahren in der Gruppe hat den riesigen Vorteil, dass man neue Wege kennenlernt. Die „alten Hasen“ kennen jeden Schlagloch-freien Schleichweg nach Münster und wissen genau, an welcher Bauernhof-Cafeteria es den besten Kuchen gibt – ein nicht zu unterschätzender Faktor beim sportlichen Radfahren.
Zusammenfassend: Werne ist vielleicht nicht das Mekka der Höhenmeter, aber für Ausdauerbolzer und Genussfahrer auf Schotter und Asphalt ist es ein verdammt gutes Pflaster. Man muss nur wissen, wie man dem Wind ein Schnippchen schlägt.
