Hand aufs Herz: Wann saßen Sie das letzte Mal auf einem Fahrrad, das fast von alleine losfuhr, nur weil Sie das Pedal schief angeguckt haben? E-Bikes – oder technisch korrekter Pedelecs – haben unsere Mobilität in Werne und Umgebung revolutioniert. Plötzlich sind Touren ins Münsterland keine schweißtreibende Tortur mehr, sondern ein entspannter Nachmittagsausflug. Aber diese gewonnene Freiheit hat einen Preis, über den wir reden müssen. Und zwar ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit einer ordentlichen Portion Realismus.
Ich sehe es fast täglich hier auf unseren Radwegen oder an den typischen Kreuzungspunkten der Stadt. Da kommt ein älteres Herrschaften-Paar auf brandneuen Rädern angerollt – top ausgestattet, Bosch-Mittelmotor, chicer Rahmen. Und dann passiert das Unausweichliche: An der Ampel wird es wackelig. Beim Absteigen kippt das schwere Rad zur Seite. Oder schlimmer: Beim Anfahren an der leichten Steigung greift der „Turbo“-Modus so brachial, dass der Lenker verreißt.
Es ist keine Schande, zuzugeben, dass Pedelecs Biester sind. Sie sind schwerer, schneller und verhalten sich physikalisch ganz anders als das gute alte Hollandrad, das man 40 Jahre lang gefahren ist. Genau hier setzen Pedelec-Trainings für Senioren an. Und nein, das ist keine „Nachschule“ für Verkehrssünder, sondern eher ein Fahrsicherheitstraining, wie wir es beim Auto ganz selbstverständlich finden.
Der Elefant im Raum: Warum „Ich fahre schon seit 50 Jahren Rad“ nicht zählt
Das ist das Argument, das ich am häufigsten höre. „Junger Mann, ich fahre Rad, seit ich laufen kann.“ Das glaube ich sofort. Aber Sie sind wahrscheinlich noch kein 25-Kilo-Geschoss gefahren, das einen Schwerpunkt hat, der eher einem Mofa gleicht als einem Fahrrad.
Schauen wir uns die Fakten mal nüchtern an. Ein herkömmliches Trekkingrad wiegt vielleicht 12 bis 14 Kilogramm. Ein E-Bike mit Akku und robustem Rahmen bringt locker das Doppelte auf die Waage. Wenn dieses Gewicht erst einmal in Schräglage gerät, hält das niemand mal eben so mit einem Bein fest – schon gar nicht, wenn die Muskulatur im Alter vielleicht nicht mehr ganz so spritzig reagiert wie mit 20.
Dazu kommt die Beschleunigung. Früher mussten wir ordentlich in die Pedale treten, um vom Fleck zu kommen. Das Gehirn hatte Zeit, das Gleichgewicht zu justieren, während das Rad langsam Fahrt aufnahm. Heute? Ein leichter Druck aufs Pedal im falschen Modus, und das Rad schießt nach vorne. Wer darauf nicht vorbereitet ist, landet im Blumenbeet des Nachbarn oder, schlimmer, auf der Straße.
Was in einem Training eigentlich passiert (Es ist kein Schulunterricht)
Viele schrecken vor solchen Kursen zurück, weil sie Angst haben, sich zu blamieren. Dabei ist die Atmosphäre meistens unglaublich locker. Man ist unter sich, alle haben ähnliche Unsicherheiten. In Werne oder bei den Angeboten der Verkehrswacht im Kreis Unna geht es meistens auf einem abgesperrten Parkplatz oder Schulhof los. Niemand lacht, wenn man wackelt.
Was übt man da konkret? Es sind oft die banalen Dinge, die im Alltag zur Falle werden:
- Das richtige Anfahren ist eine Wissenschaft für sich. Viele Senioren starten im höchsten Gang mit maximaler Unterstützung. Das ist ein Rezept für Kontrollverlust. Im Kurs lernt man: Kleiner Gang, wenig Unterstützung beim Start, dann hochschalten. Das nimmt dem „Biest“ den Schrecken.
- Langsamfahren ist viel schwieriger als Rasen. Wir nennen das oft das „Schneckenrennen“. Wer sein E-Bike bei 3 km/h stabil halten kann, der beherrscht es auch im Stadtverkehr, wenn sich vor der Ampel alles staut.
- Die Kurventechnik ändert sich durch das Gewicht massiv. Man muss das E-Bike anders „legen“ als ein leichtes Rad. Wer hier zu zaghaft lenkt oder im falschen Moment bremst, verliert die Haftung.
- Die berüchtigte Gefahrenbremsung. Haben Sie sich schon mal getraut, bei 20 km/h beide Bremshebel voll durchzuziehen? Auf Schotter? Genau das muss man üben. Moderne Scheibenbremsen beißen nämlich gnadenlos zu. Wer hier falsch dosiert, macht den Abflug über den Lenker. Im Training tastet man sich heran, bis das ABS der eigenen Handmuskulatur funktioniert.
Der tote Winkel und die steife Halswirbelsäule
Ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt, weil es oft ignoriert wird: Die Beweglichkeit. Im Alter wird der berühmte Schulterblick schwieriger. Das ist einfach Biologie, da müssen wir uns nichts vormachen. Wenn ich mich auf dem Rad umdrehe und dabei den Lenker verreiße, weil der Oberkörper steif ist, wird es auf dem Pedelec gefährlich schnell instabil.
In den Trainings wird oft Equipment besprochen, das nicht „uncool“ ist, sondern Lebensretter. Rückspiegel zum Beispiel. Früher wurden die belächelt. Heute? An jedem vernünftigen E-Bike für Senioren sollte links ein Spiegel sein. Er ersetzt den Schulterblick nicht komplett, aber er gibt Sicherheit, bevor man zum Überholen ansetzt oder abbiegt. In den Kursen lernt man, den Spiegel so einzustellen und zu nutzen, dass man den Verkehr hinter sich scannen kann, ohne die Spur zu verlieren.
Die Sache mit dem Auf- und Absteigen
Kennen Sie den „Damenrad-Sieg“? Früher galten Räder mit tiefem Einstieg als unsportlich. Heute sind Tiefeinsteiger (Wave-Rahmen) bei E-Bikes der Standard, auch für Männer. Und das ist gut so. Aber auch hier gibt es Tücken. Oft sehe ich, dass der Sattel viel zu hoch eingestellt ist, weil man „das früher so gemacht hat“ für die optimale Beinstreckung.
Bei Senioren-Trainings predigen die Instruktoren oft eine andere Philosophie: Sicherheit vor Effizienz. Es ist völlig okay, den Sattel zwei Zentimeter tiefer zu stellen, damit man im Stand mit beiden Fußballen sicher den Boden berührt, ohne vom Sattel rutschen zu müssen. Die Motorunterstützung gleicht den minimalen Kraftverlust beim Treten locker aus. Aber dieses Gefühl, an der Ampel sicher zu stehen, ohne das 25-Kilo-Rad balancieren zu müssen, ist Gold wert.
Spezifische Gefahren im lokalen Verkehr
Wenn wir über Werne und das Umland sprechen, haben wir eine Mischung, die es in sich hat. Wir haben diese wunderbaren Pättkes und Wirtschaftswege. Die sehen idyllisch aus, sind aber oft schmal, manchmal von Wurzeln aufgebrochen oder mit Rollsplit bedeckt.
Ein Klassiker hier in der Gegend: Man radelt entspannt auf einem Wirtschaftsweg, und plötzlich kommt ein riesiger Traktor entgegen. Der Platz wird eng. Wer jetzt panisch auf den unbefestigten Randstreifen ausweicht, liegt mit dem E-Bike sofort auf der Nase. Die schmalen Reifen rutschen an der Kante weg, das Gewicht drückt nach außen.
Im Training simuliert man genau das: Das gezielte Fahren auf schlechtem Untergrund. Wie verhalte ich mich auf Kopfsteinpflaster? Wie fahre ich über eine Bordsteinkante, ohne dass der Akku klappert oder ich die Kontrolle verliere? Man lernt, den Blick weit nach vorne zu richten – dorthin, wo man hin will, nicht direkt vor das Vorderrad auf das Hindernis, das man vermeiden möchte.
Der Helm – Diskussion zwecklos
Ich diskutiere da nicht mehr. Wer E-Bike fährt, trägt Helm. Punkt. Die Aufprallenergie ist bei den höheren Durchschnittsgeschwindigkeiten einfach eine andere Hausnummer. Aber Helm ist nicht gleich Helm. In den Sicherheitskursen wird oft erst mal aussortiert. Da kommen Teilnehmer mit 15 Jahre alten Styropor-Schalen an, die schon beim Angucken zerbröseln.
Moderne Helme mit MIPS-Technologie (ein System, das Rotationskräfte bei einem Aufprall abmildert) sind heute Standardempfehlungen. Und ganz wichtig: Er muss passen. Wenn Sie den Kopf schütteln und der Helm rutscht ins Gesicht, können Sie ihn auch gleich zu Hause lassen. Ein guter Instructor wird als allererstes Ihren Helmriemen einstellen, bevor Sie überhaupt aufsteigen dürfen.
Keine Angst, sondern Respekt
Das Ziel dieses Artikels – und der Trainings selbst – ist nicht, Ihnen das E-Bike madig zu machen. Ganz im Gegenteil. Diese Räder sind ein Segen für die Gesundheit und die soziale Teilhabe. Wer radelt, rostet nicht.
Aber der Wechsel vom Bio-Bike (ohne Motor) zum Pedelec ist vergleichbar mit dem Umstieg von einem Kleinwagen auf einen Sportwagen. Man muss die Kraft beherrschen lernen. Die Unfallstatistiken sprechen leider eine deutliche Sprache: Die Zahl der Alleinunfälle bei Senioren mit E-Bikes steigt. Meistens ist kein Auto beteiligt, sondern es ist der Bordstein, die zu enge Kurve oder das Verbremsen auf Laub.
Wo findet man solche Trainings?
Hier in der Region gibt es mehrere Anlaufstellen. Die Verkehrswacht im Kreis Unna ist oft die erste Adresse. Auch der ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) bietet regelmäßig Kurse an. Manchmal organisieren auch lokale Fahrradhändler beim Kauf eines neuen E-Bikes kurze Einführungskurse – fragen Sie da unbedingt aktiv nach!
Mein Rat: Investieren Sie die paar Stunden. Nehmen Sie vielleicht einen Freund oder den Partner mit. Danach fährt es sich nicht nur sicherer, sondern auch viel entspannter. Denn wer weiß, wie sein Rad in der Notsituation reagiert, der genießt die Fahrt durch die Lippeauen erst so richtig. Bleiben Sie mobil, aber bleiben Sie sicher.