Wer regelmäßig in Werne in die Pedale tritt, kennt das Gefühl: Man gleitet fast lautlos über frischen Asphalt, genießt den Fahrtwind – und dreiadrig Meter später rappelt der Lenker so stark, dass man um die Plomben in den Zähnen fürchtet. Unser Radwegenetz ist, vorsichtig ausgedrückt, ein Charakterdarsteller mit Ecken, Kanten und leider ziemlich vielen Schlaglöchern.
Es ist ja nicht so, dass Werne keine Fahrradstadt sein will. Geografisch haben wir hier zwischen Münsterland und Ruhrgebiet eigentlich Traumbedingungen. Kaum echte Steigungen, kompakte Distanzen zwischen den Ortsteilen wie Stockum oder Horneburg und der Innenstadt. Eigentlich müsste hier Holland-Feeling aufkommen. Die Realität sieht an vielen Stellen anders aus, und genau da müssen wir mal ehrlich hinschauen – ohne die rosarote Brille der Tourismusbroschüren, sondern aus der Sicht derer, die hier jeden Tag zur Arbeit, zur Schule oder zum Einkaufen pendeln.
Der Flickenteppich: Eine Bestandsaufnahme des Untergrunds
Wenn man das Radwegenetz in Werne analysiert, landet man unweigerlich beim Thema Bodenbelag. Wir haben hier eine wilde Mischung aus verschiedenen Jahrzehnten der Verkehrsplanung, und das spürt man wortwörtlich am Hintern.
Das größte Ärgernis sind nach wie vor die in den 90er und 2000er Jahren so beliebten roten Verbundpflastersteine – die berüchtigten „Knochensteine“. Damals galt das als schick und robust. Heute wissen wir: Es ist ein Energiefresser. Der Rollwiderstand ist deutlich höher als auf Asphalt, und wehe, die Wurzeln der Alleebäume drücken von unten. Dann verwandeln sich diese Wege in kleine Sprungschanzen-Parcours. Besonders bei Nässe werden diese Steine zudem oft rutschig wie Schmierseife, was gerade in Kurvenbereichen immer wieder zu brenzligen Situationen führt.
Aber auch bei den asphaltierten Strecken ist nicht alles Gold, was glänzt. Es gibt Abschnitte, die seit Jahren nur notdürftig geflickt werden.
- Kalte Winter und heiße Sommer lassen den Asphalt aufplatzen; wenn dann nur „Kaltasphalt“ in das Loch geschaufelt und festgetreten wird, hält das oft kaum bis zum nächsten Frost.
- Die berüchtigten Wurzelaufbrüche sind ein Dauerthema. Natürlich wollen wir alle grüne Alleen, aber wenn der Radweg direkt neben einer alten Eiche verläuft, gewinnt am Ende immer der Baum. Die Folge sind teils zehn Zentimeter hohe Wellen, die für Hollandräder oder E-Bikes mit starrer Gabel eine echte Tortur sind.
- Randbereiche, die absacken. Oft sieht man, dass der Weg zur Feldseite hin wegbricht, weil der Unterbau damals nicht für die heutige Belastung ausgelegt wurde oder schlichtweg weggespült wird.
Ein weiteres Phänomen, über das wir auf unserer Seite oft berichten, ist die Drängelgitter-Problematik und die Breite der Wege. Alte Mindestmaße passen nicht mehr zu modernen Lastenrädern oder Anhängern. Wer morgens mal versucht hat, auf einem der schmaleren Pfade einem entgegenkommenden Lastenrad auszuweichen, ohne im Graben zu landen, weiß, dass die Infrastruktur hier an ihre Grenzen stößt.
Planungshoheit vs. Realität auf der Straße
Es ist leicht, über den Zustand zu meckern, aber man muss auch verstehen, wie zäh die Mühlen der Verwaltung mahlen. In Werne wird seit Jahren über das Raderkehrskonzept diskutiert. Das Papier ist geduldig, die Umsetzung auf der Straße dauert oft Jahre. Das liegt nicht immer am Unwillen der Politik, sondern oft an komplexen Zuständigkeiten.
Da gibt es Straßen, für die ist die Stadt Werne zuständig. Dann gibt es Landesstraßen (L) und Bundesstraßen (B), wo Straßen.NRW den Hut aufhat. Als Bürger ist einem völlig egal, welchem Amt der Weg gehört – man will einfach sicher ankommen. Aber genau hier hakt es oft. Wenn an einer Landesstraße der Radweg saniert werden muss, kann die Stadt Werne oft nur bitten und drängeln, aber nicht einfach den Bagger schicken.
Ein Lichtblick der letzten Jahre ist sicherlich das Umdenken bei den Schutzstreifen. Sie kennen diese gestrichelten Linien auf der Fahrbahn. Früher wurden die oft als Allheilmittel verkauft, um Radfahrer „sichtbarer“ zu machen. In der Praxis fühlt man sich dort oft eher als Freiwild, wenn der Schwerlastverkehr mit 50 cm Abstand vorbeidonnert. Inzwischen merkt man auch in der Werner Politik, dass Farbe auf der Straße keine echte Infrastruktur ersetzt.
Die Verbindung der Ortsteile
Ein kritischer Punkt in unserer Netz-Analyse ist immer die Anbindung der Außenbereiche. Werne ist nicht nur der Stadtkern. Wer von Stockum oder aus den Bauerschaften kommt, ist oft auf Wirtschaftswege angewiesen. Diese sind Fluch und Segen zugleich.
Einerseits ist es herrlich, fernab vom Autoverkehr durch die Felder zu fahren. Andererseits sind diese Wege oft landwirtschaftlich stark genutzt. Nach der Maisernte liegen dort oft zentimeterdick Dreck und Lehm. Das ist kein Vorwurf an die Landwirte – die machen ihren Job –, aber für den Radpendler, der sauber im Büro ankommen will, ist das ein Desaster. Hier fehlt es oft an einem Reinigungskonzept, das speziell die Rad-Hauptrouten im Blick hat, nicht nur die Autostraßen.
Falls Sie akut gefährliche Stellen oder massive Verschmutzungen entdecken, nutzen Sie bitte Möglichkeiten zur Meldung. Wir haben dazu oft Hinweise in unserem Bereich Aktuelles aus Werne, wo wir auch über kurzfristige Sperrungen informieren.
Sicherheit: Mehr als nur Statistik
Wenn man in die Unfallstatistiken schaut, sieht manches gar nicht so dramatisch aus. Aber „Sicherheit“ ist beim Radfahren vor allem ein Gefühl – man nennt das subjektive Sicherheit. Und genau die fehlt an vielen Knotenpunkten in Werne.
Nehmen wir die Kreisverkehre. Eigentlich eine gute Sache. Aber wenn die Radführung nicht eindeutig ist oder Autofahrer beim Ausfahren den Schulterblick vergessen, wird es gefährlich. Ebenso das Thema „Dooring“ in der Innenstadt: Radwege, die zu nah an parkenden Autos vorbeigeführt werden, sind tickende Zeitbomben. Eine unbedacht aufgerissene Autotür reicht.
Wichtige Fragen, die wir in diesem Kontext immer wieder an die Politik richten:
- Werden Radwege im Winter genauso schnell geräumt wie die Autospuren? Oft landet der Schnee von der Straße nämlich genau auf dem Radweg.
- Wie sieht es mit der Beleuchtung auf den Verbindungswegen zwischen den Ortsteilen aus? Wer im November um 17 Uhr von der Arbeit nach Hause radelt, fährt auf manchen Strecken in ein schwarzes Loch.
- Sind die Umlaufsperren (diese rot-weißen Gitter) wirklich noch zeitgemäß? Für einen normalen Radfahrer okay, aber für jemanden mit Anhänger oder einem Spezialrad oft ein unüberwindbares Hindernis.
Der Blick nach vorn: Was muss passieren?
Werne hat Potenzial. Die Topografie ist unser Freund. Was wir brauchen, ist Mut zur Lücke und vor allem Mut, dem Auto auch mal wortwörtlich Platz wegzunehmen. Ein Radwegenetz, das nur dort gebaut wird, wo es dem Auto nicht wehtut, wird niemals eine echte Verkehrswende einleiten.
Es gibt positive Ansätze. Die Diskussion um Fahrradstraßen, wo Radfahrer Vorrang haben und nebeneinander fahren dürfen, wird auch hier geführt. Sanierungen werden inzwischen oft konsequenter geplant als noch vor zehn Jahren. Aber das Tempo muss steigen.
Wir beobachten auch genau, wie Budgetmittel eingesetzt werden. Es reicht nicht, einmalig einen Weg zu bauen; er muss gepflegt werden. Der „Unterhaltungsstau“ ist das Schlagwort, das Kämmerern Schweißperlen auf die Stirn treibt. Ein Radweg, der 20 Jahre nicht angefasst wurde, muss oft komplett neu gebaut werden, statt nur die Deckschicht zu sanieren – das ist langfristig viel teurer.
Wenn Sie sich genauer für die politischen Hintergründe und spezifische Projekte interessieren, werfen Sie einen Blick auf unsere Übersicht zur lokalen Verkehrspolitik. Dort dröseln wir auf, welche Fraktion eigentlich was fordert und wo die Bremser sitzen.
Letztendlich steht und fällt die Qualität des Radwegenetzes in Werne mit der Aufmerksamkeit. Solange wir Schlaglöcher als „gegeben“ hinnehmen, ändert sich nichts. Wenn wir aber laut bleiben, Mängel melden und einfordern, dass der Radverkehr nicht nur Freizeitvergnügen, sondern ernstzunehmende Mobilität ist, dann bewegt sich was. Der Zustand ist aktuell durchwachsen – manche Strecken Note 2, manche eher Note 5. Unser Ziel als Portal war es immer, den Durchschnitt deutlich nach oben zu korrigieren.
