Wenn im Mai oder Juni plötzlich auffällig viele Kommunalpolitiker auf dem Drahtesel gesichtet werden und die Fahrradständer vor den Schulen in Werne aus allen Nähten platzen, wissen wir Bescheid: Es ist Stadtradeln-Zeit. Für uns, die wir uns hier das ganze Jahr über den Kopf über Radverkehrskonzepte, fehlende Bordsteinabsenkungen und die Anbindung ans Münsterland zerbrechen, sind diese drei Wochen im Jahr so etwas wie das Hochamt der Fahrradkultur.
Aber mal Hand aufs Herz: Ist das Ganze nur PR für die Klimabilanz, oder bringt es uns auf den Straßen von Werne wirklich weiter? Als jemand, der die Entwicklung der Radinfrastruktur hier seit Jahren kritisch begleitet, habe ich dazu eine klare Meinung. Es geht beim Stadtradeln nicht nur um die gesammelten Kilometer. Es geht um Sichtbarkeit. Wenn Tausende Werner Bürger gleichzeitig in die Pedale treten, wird der Platzbedarf plötzlich physisch spürbar – und genau das brauchen wir, um politische Entscheidungen zu beschleunigen.
Was steckt eigentlich hinter dem Hype?
Das Grundprinzip ist simpel, fast schon banal: 21 Tage lang wird das Auto so oft wie möglich stehen gelassen. Jeder Kilometer, der beruflich oder privat mit dem Fahrrad zurückgelegt wird, zählt. Aber lassen Sie sich nicht täuschen, dahinter steckt ein ziemlich ausgeklügelter Wettbewerb des Klima-Bündnisses. Es ist im Grunde ein Kräftemessen der Kommunen. Werne tritt nicht nur gegen sich selbst an (also gegen die Ergebnisse des Vorjahres), sondern auch im direkten Vergleich mit den Nachbarn im Kreis Unna oder ähnlichen Städten in NRW.
Das Schöne daran ist die extrem niedrige Einstiegshürde. Es ist völlig egal, ob Sie am Wochenende eine 80-Kilometer-Tour durch das Lippetal machen oder nur die 800 Meter zum Bäcker radeln. Kleinvieh macht auch Mist, und gerade diese Kurzstrecken sind es, die im innerstädtischen Verkehr von Werne den Kohl fett machen – oder besser gesagt: die CO2-Bilanz entlasten.
Werne im Radfieber: Ein Blick zurück und nach vorn
Ich erinnere mich noch gut an die ersten Jahre, als Stadtradeln in Werne noch als Nischenveranstaltung für Öko-Enthusiasten belächelt wurde. Das hat sich massiv gedreht. Inzwischen ist es ein prestigeträchtiges Event, bei dem Firmen, Vereine und Schulklassen regelrechte Schlachten um die Tabellenspitze austragen.
In den letzten Jahren haben wir in Werne immer wieder beachtliche Marken geknackt. Wir reden hier von sechsstelligen Gesamtkilopmetern. Das ist für eine Stadt unserer Größe ordentlich. Was mir dabei besonders auffällt: Die „Stadtradeln-Stars“. Das sind jene lokalen Persönlichkeiten, die sich verpflichten, 21 Tage lang gar kein Auto von innen zu sehen. Das ist in einer Stadt wie Werne, die zwar kompakt ist, aber doch viele Pendler Richtung Dortmund oder Münster hat, eine echte Ansage.
Ich habe schon oft beobachtet, wie genau diese Phase bei Entscheidungsträgern zu einem „Aha-Erlebnis“ führt. Wenn der Bürgermeister oder Ratsmitglieder plötzlich selbst merken, wo der Radweg abrupt im Nichts endet oder wo man an einer Ampel als Radfahrer ewig im Regen steht, hat das oft mehr Effekt als zehn unserer schriftlichen Eingaben beim Bauamt.
Mitmachen: So läuft das in der Praxis
Viele denken, das sei bürokratisch kompliziert. Ist es nicht. Ich erkläre das mal so, wie es wirklich läuft, ohne das Marketing-Bla-Bla der offiziellen Flyer.
Anmeldung und Teams
Allein radeln geht zwar technisch, macht aber für die Statistik kaum Sinn. Der Kern des Stadtradelns ist der Teamgedanke. Sie können sich einem bestehenden Team anschließen oder selbst eins gründen.
- Wer niemanden hat, muss nicht verzweifeln: Es gibt fast immer ein „Offenes Team Werne“. Da sammelt sich jeder, der einfach nur Kilometer spenden will, ohne sich einer Firmengruppe oder einem Verein anzuschließen.
- Die Sache mit den zwei Personen ist oft ein Missverständnis. Ja, ein Team braucht technisch gesehen zwei Leute, aber Sie müssen nicht Händchen haltend nebeneinander herfahren. Jeder radelt für sich, die Kilometer landen im selben Topf.
- Schulklassen sind hier oft die heimlichen Champions. Die Masse an Schülern, die jeden Morgen zur Schule radeln, erzeugt eine Grundlast an Kilometern, gegen die so manches Firmenteam mit E-Bikes kaum ankommt.
Was zählt eigentlich als „Fahrrad“?
Hier wird es technisch interessant und oft wird gestritten. Grundsätzlich gilt: Alles, was Muskelkraft braucht, ist erlaubt.
- Pedelecs (also die klassischen E-Bikes, die bis 25 km/h unterstützen) sind absolut erlaubt und inzwischen wohl für 50% der Kilometer verantwortlich. Ohne die Motorunterstützung würden viele die Strecke von Werne-Mitte nach Stockum oder gar in die Nachbarstädte gar nicht erst antreten.
- Vorsicht bei S-Pedelecs! Die Dinger fahren bis 45 km/h, brauchen ein Versicherungskennzeichen und gelten verkehrsrechtlich als Kraftfahrzeuge. Manche Kommunen drücken ein Auge zu, aber streng genommen fliegen die oft aus der Wertung, weil sie keine Fahrräder im Sinne der StVO sind.
- Rollstuhlfahrer sind explizit eingeladen. Handbikes zählen. Das wird oft vergessen, ist aber ein wichtiger Aspekt der Inklusion bei diesem Event.
Der echte Nutzen: RADar! und Infrastruktur
Jetzt kommen wir zu dem Punkt, der für uns als Portal für Fahrradverkehr am wichtigsten ist. Das Stadtradeln ist nämlich eigentlich ein riesiges Datenerfassungsprogramm. Über die verbundene App (oder die Website) können Teilnehmer Mängel melden. Das System nennt sich RADar!.
Wenn Sie während der drei Wochen merken, dass an der B54 der Radweg voller Wurzelaufbrüche ist oder die Beschilderung in Richtung Cappenberg irreführend ist, können Sie das direkt in der Karte pinnen.
Warum das funktioniert (und warum manchmal nicht)
- Die Stadtverwaltung steht während dieser drei Wochen unter Beobachtung. Eine Meldung über RADar! landet direkt beim zuständigen Sachbearbeiter. Der öffentliche Druck ist höher als bei einer E-Mail, die man im November schreibt.
- Sie sehen die Meldungen der anderen. Das verhindert, dass jeder zweite Radler dieselbe Scherbe meldet, zeigt aber auch, wo die echten Hotspots sind. Wenn an einer Kreuzung zwanzig Pins stecken, kann die Politik das Problem nicht mehr totschweigen.
- Dennoch muss man realistisch bleiben: Nur weil Sie einen Pin setzen, rückt am nächsten Tag kein Bautrupp an. Planungsprozesse in Deutschland sind zäh. Aber diese Daten fließen oft in die langfristige Radverkehrsplanung ein. Wir haben in Werne schon Verbesserungen gesehen, die ihre Wurzeln in genau solchen Meldungen hatten.
Ein Blick auf Technik und Datenschutz
Viele meiner Bekannten sind skeptisch, wenn es um das Tracking geht. „Muss die Stadt wissen, wann ich wo fahre?“
Die Antwort ist zweigeteilt. Sie können die App einfach als Tacho mitlaufen lassen. Dann werden GPS-Spuren aufgezeichnet. Die TU Dresden wertet diese Daten wissenschaftlich aus, um Verkehrsströme zu analysieren. Für die Verkehrsplanung in Werne ist das Gold wert. Man sieht plötzlich, wo Leute Abkürzungen nehmen („Desire Lines“), die baulich gar nicht vorgesehen sind. Das ist der Moment, wo Verkehrsplaner lernen können, wie Menschen wirklich radeln, statt wie sie radeln sollen.
Wer das nicht will, trägt die Kilometer abends manuell ein. Einfach auf den Tacho schauen, Zahl im Webportal eintippen, fertig. Kein GPS, kein Tracking, gleicher Effekt für das Klima-Team. Ich persönlich nutze das Tracking, weil ich will, dass die Stadt sieht, welche Schleichwege ich nutzen muss, um den Hauptverkehrsstraßen auszuweichen.
Fazit: Mehr als nur Kilometersammeln
Stadtradeln in Werne ist für mich jedes Jahr eine Art Inventur. Wie gut sind unsere Wege wirklich? Wie viele Menschen sind bereit umzusteigen, wenn man ihnen einen kleinen Anreiz gibt? Natürlich retten wir in drei Wichen nicht das Weltklima – die eingesparten Tonnen CO2 sind im globalen Maßstab mikroskopisch.
Aber der psychologische Effekt ist enorm. Wenn man morgens an der Ampel nicht allein steht, sondern von fünf anderen Radlern umringt ist, entsteht ein „Wir-Gefühl“. Autofahrer müssen sich plötzlich anpassen, weil sie in der Minderheit sind (zumindest gefühlt). Das verändert die Verkehrskultur in einer Stadt nachhaltig, auch wenn es nur kleine Schritte sind.
Mein Rat: Melden Sie sich an. Nicht wegen der Urkunde, die es am Ende vielleicht gibt. Sondern um Daten zu liefern. Um zu zeigen: Wir sind hier, wir brauchen Platz, und wir wollen sicher durch Werne kommen. Und wenn Sie dabei noch ein paar Pfunde verlieren oder die neue Strecke am Kanal entdecken – umso besser.
