Stadtradeln Werne: Gemeinsam Kilometer für das Klima sammeln

Hand aufs Herz: Wer von uns hat sich nicht schon mal dabei ertappt, für die 800 Meter zum Bäcker doch den Autoschlüssel zu greifen? Es regnet vielleicht ein bisschen, oder man ist einfach bequem. Genau hier setzt das STADTRADELN an. In Werne ist das mittlerweile weit mehr als nur ein netter Wettbewerb für Statistik-Liebhaber. Es ist ein dreiwöchiger Dauertest für unsere Waden, unsere Willenskraft und – ganz nebenbei – für die Verkehrspolitik unserer Stadt.

Als jemand, der die Fahrradinfrastruktur hier seit Jahren kritisch beobachtet, sehe ich das Stadtradeln in Werne mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil es fantastisch ist zu sehen, wie plötzlich Hunderte Werner Bürger in die Pedale treten. Weinend, weil einem auf jedem Kilometer wieder bewusst wird, wo es im Radwegenetz eigentlich hakt. Aber genau darum soll es hier gehen: Nicht um Schönwetter-PR, sondern um echte Kilometer, echte Erfahrungen und wie wir diese Aktion nutzen können, um in Werne dauerhaft etwas zu bewegen.

Warum wir uns das eigentlich antun

Man könnte meinen, 21 Tage Radfahren seien keine große Sache. Sind sie auch nicht, wenn man ohnehin jeden Tag pendelt. Aber der Reiz liegt in der Masse. Wenn Schulen, Vereine, Firmen und Kommunalpolitik gleichzeitig auf den Sattel steigen, entsteht eine Art Gruppendynamik, die man sonst im Straßenverkehr vermisst. Es geht um Sichtbarkeit.

Plötzlich ist die Münsterstraße voll mit Radlern. Autofahrer müssen sich daran gewöhnen, nicht mehr die alleinigen Herrscher des Asphalts zu sein. Das ist der eigentliche Gewinn, weit vor jeder CO2-Einsparung: Die physische Präsenz von Fahrrädern im Stadtbild erzwingt Rücksichtnahme – zumindest theoretisch.

Dazu kommt der sportliche Ehrgeiz. Ich kenne Abteilungsleiter, die normalerweise den Aufzug in den ersten Stock nehmen, die plötzlich morgens Umwege fahren, nur um im Team-Ranking an der Buchhaltung vorbeizuziehen. Dieser kompetitive Charakter ist der Motor, der das Ganze am Laufen hält.

Mehr als nur Kilometer zählen: Die Mängelmelder-Funktion

Wenn wir über Stadtradeln in Werne sprechen, müssen wir über RADar! reden. Das ist für mich das eigentlich mächtigste Werkzeug dieser ganzen Kampagne. Viele nutzen nur die App zum Tracken der Strecke, aber die Meldefunktion für Infrastruktur-Probleme ist der Hebel, mit dem wir die Stadtverwaltung nerven können – und zwar konstruktiv.

Fällt Ihnen auf dem Weg zur Arbeit auf, dass eine Wurzel den Radweg fast unpassierbar gemacht hat? Markieren Sie es. Ist eine Ampelschaltung für Radfahrer lebensgefährlich kurz? Pin auf die Karte. In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass diese Meldungen während des Aktionszeitraums eine ganz andere Aufmerksamkeit bekommen als eine einsame E-Mail an das Ordnungsamt im November.

Hier ein paar Dinge, die man im Hinterkopf behalten sollte, wenn man die App nutzt:

  • Seien Sie bei den Meldungen so präzise wie möglich. „Radweg kaputt“ hilft niemandem im Bauhof. „Wurzelaufbruch Höhe Hausnummer 45, Kante ca. 5cm hoch“ ist eine Ansage, mit der man arbeiten kann.
  • Fotos sind Gold wert. Manchmal wirkt eine Stelle aus der Beschreibung harmlos, sieht auf dem Bild aber aus wie eine Mondlandschaft.
  • Nutzen Sie die Kommentarfunktion, wenn andere bereits etwas gemeldet haben. Das erhöht den Druck. Wenn zehn Leute dieselbe Gefahrenstelle bestätigen, rutscht das Thema in der Prioritätenliste nach oben.

Teams, Taktik und der innere Schweinehund

Der Modus ist simpel: Jeder Kilometer zählt, egal ob beruflich oder privat. Aber die Psychologie dahinter ist spannend. Werne hat eine recht aktive Vereinsmeier-Kultur (im positiven Sinne), und das spiegelt sich in den Stadtradeln-Teams wider. Da gibt es die „Offenen Teams“ für Einzelkämpfer, aber die wirkliche Musik spielt in den geschlossenen Gruppen.

Ich erinnere mich an ein Jahr, in dem zwei lokale Schulen sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten, das fast schon epische Ausmaße annahm. Da wurden am Wochenende extra Touren angesetzt, Eltern wurden mobilisiert, selbst die Lehrer mussten ran. Das schweißt zusammen.

Für Unternehmen in Werne ist das übrigens eine der billigsten Teambuilding-Maßnahmen überhaupt. Statt teure Coaches zu bezahlen, setzt man die Belegschaft aufs Rad. Das Gesprächsthema in der Kaffeeküche wechselt von „Das Wetter ist mies“ zu „Hast du gesehen, wie viele Kilometer Team XY gestern gemacht hat?“.

Wie man im Ranking wirklich nach oben kommt

Wenn Sie ambitioniert sind und nicht nur „dabei sein“ wollen, reicht der Weg zur Arbeit oft nicht. Werne liegt glücklicherweise am Rand des Münsterlandes – das Terrain ist also forgiving, wie der Engländer sagen würde. Flach, weitläufig, ideal um Strecke zu machen.

Meine persönliche Strategie für die drei Wochen sieht meistens so aus:

  • Der Arbeitsweg wird künstlich verlängert. Statt der direkten Route nehme ich den Schlenker über die Felder. Das sind morgens 15 Minuten mehr, bringt aber am Tag locker 10 Extrakilometer.
  • Wochenenden sind für die „Big Points“. Eine Tour Richtung Nordkirchen oder Hamm, schön am Kanal entlang. Da kommen schnell 50 bis 70 Kilometer zusammen, ohne dass man sich komplett verausgabt.
  • Einkäufe konsequent mit dem Rad erledigen. Ja, auch den Getränkekasten. Mit guten Packtaschen geht mehr als man denkt, und jeder Kilometer zählt für die Statistik.
  • Das Wetter ignorieren lernen. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Regenjacken. Wer bei Nieselregen kneift, verliert den Anschluss im Ranking.

Die politische Dimension: Show oder Substanz?

Das ist der Punkt, an dem es oft hitzig wird. Kritiker sagen, das Stadtradeln sei reine Symbolpolitik. Einmal im Jahr lassen sich der Bürgermeister und die Ratsmitglieder auf dem Fahrrad ablichten, loben das Engagement, und danach parken wieder alle auf dem Radweg.

Da ist was dran, keine Frage. Ich habe oft genug erlebt, wie nach der Preisverleihung das Thema Radverkehr wieder in den Dornröschenschlaf fiel. Aber: Es liegt an uns, das Momentum zu nutzen. Die gesammelten Daten – und da kommen wir wieder auf die Technik zurück – zeigen der Stadtplanung nämlich genau, wo die Verkehrsströme der Radfahrer wirklich langlaufen. Das sind sogenannte Heatmaps.

Wenn die Stadtverwaltung sieht, dass hunderte Radfahrer täglich eine Schleichverbindung nutzen, die offiziell gar kein Radweg ist, entsteht Handlungsbedarf. Vielleicht wird aus dem Trampelpfad dann endlich eine asphaltierte Strecke. Das passiert nicht über Nacht, aber die Datenbasis, die wir im Stadtradeln schaffen, ist das Argument, das wir Aktivisten den Rest des Jahres nutzen können: „Seht her, hier fahren 500 Leute am Tag, wir brauchen hier Sicherheit!“

Klimaschutz mal konkret gerechnet

Wir hören immer diese abstrakten Zahlen: „X Tonnen CO2 vermieden“. Das klingt gut, ist aber schwer greifbar. Brechen wir das mal auf den Werner Alltag herunter. Ein Kleinwagen stößt pro Kilometer im Stadtverkehr gut und gerne 150 bis 200 Gramm CO2 aus (wenn der Motor kalt ist, oft mehr).

Wenn ich also meine 10 Kilometer zur Arbeit hin und zurück radele, habe ich nicht die Welt gerettet. Aber ich habe etwa 3 bis 4 Kilogramm CO2 nicht in die Luft gepustet. Multiplizieren Sie das mit 1.000 Teilnehmern über 21 Tage. Da kommt eine Masse zusammen, die dem Äquivalent von mehreren tausend gepflanzten Bäumen entspricht.

Noch direkter spürbar ist aber der Effekt auf Lärm und Platz. Stellen Sie sich den Werner Marktplatz an einem Samstagmorgen vor. Jedes Fahrrad, das dort parkt, ist ein Auto weniger, das in zweiter Reihe steht, den Verkehr blockiert oder Lärm macht, während der Fahrer einen Parkplatz sucht. Lebensqualität in der Innenstadt hängt direkt mit der Abwesenheit von Blech zusammen.

Ausstattung: Was man wirklich braucht

Lassen Sie sich nicht von den Leuten in den hautengen Lycra-Anzügen einschüchtern, die mit ihren 3.000-Euro-Carbonrädern an der Ampel stehen. Stadtradeln ist kein Tour-de-France-Etappenrennen. Das beste Fahrrad für das Stadtradeln ist das, das funktioniert und das Sie gerne benutzen.

Trotzdem gibt es ein paar Dinge, die den Unterschied zwischen Frust und Lust ausmachen, gerade wenn man drei Wochen am Stück fahren will:

  • Überprüfen Sie den Reifendruck. Ernsthaft. Die meisten Leute fahren mit viel zu wenig Luft und treten sich unnötig kaputt. Ein praller Reifen rollt fast von allein.
  • Licht muss funktionieren, und zwar zuverlässig. Im September (oder wann immer der Zeitraum gerade liegt) kann es morgens noch dämmrig sein. Gesehen werden ist Überlebenswichtig.
  • Eine vernünftige Halterung fürs Handy, wenn Sie die App live mitlaufen lassen wollen. Nichts ist nerviger, als an jeder Kreuzung anzuhalten und das Telefon aus der Tasche zu kramen.
  • Kettenschmiere. Ein Fahrrad, das quietscht, raubt einem den letzten Nerv. Fünf Minuten Wartung vor dem Start der drei Wochen sparen viel Ärger.

Fazit: Nach dem Stadtradeln ist vor dem Stadtradeln

Am Ende der drei Wochen gibt es Urkunden, vielleicht eine kleine Feier am Rathaus, und die Gewinner-Teams werden in der Lokalzeitung erwähnt. Das ist schön. Aber wichtiger ist, was hängenbleibt. Wenn von den hundert Leuten, die zum ersten Mal mitgemacht haben, nur zehn dabei bleiben und das Auto auch im Oktober mal stehen lassen, ist viel gewonnen.

Für uns als Community, die sich für bessere Radwege in Werne einsetzt, liefert das Stadtradeln die Munition für die politischen Debatten der kommenden Monate. Jeder gemeldete Mangel, jeder gefahrene Kilometer ist ein Beweis dafür, dass Werne eine Fahrradstadt sein will – auch wenn die Infrastruktur manchmal noch hinterherhinkt.

Also, App runterladen, Team anmelden (oder gründen) und Kette rechts. Wir sehen uns auf der Straße – hoffentlich nicht im Stau, sondern auf dem Radweg.