Verkehrssicherheit ist in Werne so ein Thema, bei dem man schnell emotional wird. Wer hier täglich in die Pedale tritt – sei es für den Weg zur Arbeit nach Lünen, zum Einkaufen in die Innenstadt oder auf einer Tour durchs Münsterland –, der kennt die neuralgischen Punkte. Man liest die Zeitungsberichte über „Berührungen“ zwischen PKW und Radler und denkt sich oft: Das war nur eine Frage der Zeit. Als jemand, der diesen Blog über Radinfrastruktur seit Jahren pflegt, habe ich genug gesehen. Es geht hier nicht um Panikmache, sondern um den ungeschönten Blick auf den Asphalt.

Die offiziellen Statistiken der Polizei Unna erzählen nämlich immer nur die halbe Wahrheit. Ja, wir sehen die Zahlen steigen oder fallen, je nach Wetterlage im Jahr. Aber was in keiner Excel-Tabelle auftaucht, sind die Beinahe-Unfälle. Die Momente, in denen das Adrenalin einschießt, weil ein SUV beim Überholen den Sicherheitsabstand von 1,50 Metern eher als unverbindliche Empfehlung interpretiert hat. Oder der Klassiker am Kreisverkehr, wo Vorfahrt haben und Vorfahrt bekommen zwei völlig verschiedene Paar Schuhe sind.

Ein Blick hinter die Unfallzahlen: Was wirklich auf Wernes Straßen passiert

Wenn man sich den Unfallatlas für unsere Region anschaut, dann ploppen die roten Punkte meistens dort auf, wo viel Verkehr auf schlechte Planung trifft. Es sind selten die Radfahrer, die wie Rowdys über rote Ampeln brettern – auch wenn das am Stammtisch gerne behauptet wird. Die Realität auf unseren Straßen ist komplexer. Ein Großteil der schweren Unfälle passiert innerorts. Und oft sind es Situationen, die man als „vermeidbar“ einstufen würde, wenn die Infrastruktur Fehler verzeihen würde. Tut sie aber oft nicht.

Ein riesiges Problem ist die sogenannte „Dunkelziffer“ bei Alleinunfällen. Wer wegen nasser Blätter auf einem schlecht gewarteten Radweg wegrutscht oder in einer dieser fiesen Längsrillen hängenbleibt, ruft selten die Polizei, sofern kein Knochen durch die Haut sticht. Diese Unfälle tauchen in der Sicherheitsbilanz der Stadt Werne kaum auf, sind aber ein direktes Resultat mangelhafter Pflege. Wir haben hier Ecken, da wölbt sich der Asphalt durch Baumwurzeln so hoch, dass man eher ein Mountainbike als ein Cityrad bräuchte.

Die Hauptursachen: Wo es wirklich kracht

Lassen wir die Theorie mal beiseite. Woran liegt es, wenn es knallt? Meiner Erfahrung nach kristallisieren sich in Werne und Umgebung immer wieder dieselben Muster heraus. Es sind Situationen, die fast jeder von uns schon erlebt hat.

  • Der Rechtsabbieger-Albtraum ist leider Nummer eins. LKWs oder auch PKWs, die an einer Ampelkreuzung stehen, blinken rechts und fahren los. Der Radfahrer fährt geradeaus, hat grün, wird aber schlicht übersehen. Der „Tote Winkel“ ist technisch gesehen durch moderne Spiegel fast eliminiert, aber der menschliche Faktor bleibt: Man guckt halt nicht hin.
  • Dann haben wir das Problem mit den scheinbaren Schutzstreifen. Sie wissen schon, diese gestrichelten Linien auf der Fahrbahn. Viele Autofahrer halten das für eine eigene Spur und quetschen sich bei Gegenverkehr trotzdem noch am Radfahrer vorbei, obwohl der Streifen rechtlich gar kein Überholverbot bei zu geringem Abstand aufhebt. Das ist psychologische Infrastruktur, die Sicherheit suggeriert, wo keine ist.
  • Dooring-Zonen sind in den engeren Straßen der Innenstadt brandgefährlich. Parkplätze werden oft direkt neben den Radstreifen markiert. Wenn da jemand die Tür aufreißt, ohne den Schulterblick zu machen, hast du als Radfahrer keine Chance. Du knallst ungebremst in ein Stahlhindernis.
  • Die Grundstücksausfahrten, besonders an den Ausfallstraßen Richtung Stockum oder Wethmar. Da kommen Autos rausgeschossen, die Sicht ist durch Hecken oder parkende Lieferwagen versperrt, und der Radweg wird einfach als verlängerte Motorhaube genutzt, um sich in den Verkehr zu tasten.

Prävention ist mehr als nur ein Helm

Natürlich, tragt Helme. Das diskutiere ich gar nicht. Aber echte Prävention muss von der Stadtplanung kommen. Wir haben in Werne lange genug über Verkehrskonzepte und Radwegepläne diskutiert. Was wir brauchen, ist eine Trennung der Verkehre an den Hauptachsen. Farbe auf der Straße ist keine Infrastruktur. Farbe schützt mich nicht, wenn ein 40-Tonner schwankt.

Ein echter Sicherheitsgewinn wäre die konsequente Einführung von getrennten Ampelphasen. Wenn Radfahrer grün haben, müssen Rechtsabbieger rot haben. Punkt. Das kostet die Autofahrer vielleicht 15 Sekunden mehr Geduld, rettet aber Leben. In den Niederlanden ist das Standard, hier kämpfen wir um jede Sekunde Ampelumlaufzeit.

Auch die Instandhaltung ist Prävention. Ein Radweg, der voller Schlaglöcher ist, zwingt Radfahrer dazu, Schlangenlinien zu fahren oder reflexartig Hindernissen auszuweichen – oft genug Richtung Fahrbahn. Wenn die Stadt hier spart, spart sie an der falschen Stelle. Es nützt nichts, neue Routen auszuweisen, wenn die alten Bestandswege eher einer Cross-Strecke gleichen.

Defensives Fahren: Überlebenstipps für den Alltag

Bis die Politik die Infrastruktur auf Kopenhagen-Niveau gehievt hat (und da sollten wir uns nichts vormachen, das dauert noch Jahrzehnte), liegt es an uns, heil anzukommen. Ich fahre seit Jahren „assertiv“, also selbstbewusst, aber defensiv. Das klingt widersprüchlich? Ist es nicht.

1. Die „Tür-Zone“ ist Tabu

Ich sehe so viele, die sich ganz eng an die parkenden Autos drücken, um den fließenden Verkehr nicht zu behindern. Falsch. Ganz falsch. Halten Sie mindestens einen Meter, besser 1,50 Meter Abstand zu parkenden Autos. Ja, dann müssen die Autos hinter Ihnen warten. Na und? Eine sich öffnende Autotür ist lebensgefährlich. Nehmen Sie sich den Raum, den Sie brauchen, um sicher zu sein.

2. Blickkontakt suchen – oder Misstrauen walten lassen

Verlassen Sie sich niemals auf Ihre Vorfahrt. Wenn ich an eine Einmündung komme und sehe ein Auto warten, schaue ich auf die Reifen und das Gesicht des Fahrers. Drehen sich die Felgen schon leicht? Schaut der Fahrer in meine Richtung oder tippt er auf dem Handy? Wenn ich keinen Blickkontakt habe, gehe ich vom Gas. Immer.

3. Die Position auf der Fahrbahn

Fahren Sie nicht im Rinnstein. Dort sammelt sich der Dreck, dort sind die Gullydeckel, dort liegen Scherben. Und vor allem: Dort werden Sie übersehen. Wenn die Straße zu schmal ist, um sicher überholt zu werden, fahren Sie mittig auf der Spur. Das nennt man „die Spur dichtmachen“. Das verhindert riskante Überholmanöver bei Gegenverkehr. Hupen ist lästig, aber besser als im Graben zu liegen.

4. Licht ist Kommunikation

Gerade in der dunklen Jahreszeit in Werne, wo manche Radwege abseits der Hauptstraßen stockfinster sind (denken Sie an die Strecken durch die Feldmark), ist Licht überlebenswichtig. Aber bitte stellen Sie den Scheinwerfer richtig ein. Nichts ist gefährlicher als ein blendernder Gegenverkehr auf einem schmalen Zweirichtungsradweg. Gutes Licht hilft nicht nur beim Sehen, sondern signalisiert Präsenz. Ich nutze tagsüber auch oft ein Tagfahrlicht.

Lokale Besonderheiten im Blick behalten

Werne hat seinen eigenen Rhythmus. Zur Sim-Jü Zeit oder bei großen Stadtfesten herrschen Ausnahmezustände. Da werden gewohnte Wege plötzlich zu Sackgassen oder sind von Fußgängermassen blockiert. Auch die Landwirtschaft spielt hier eine Rolle, die man in Großstädten wie Dortmund weniger hat. Zur Erntezeit sind die Wirtschaftswege rund um Werne das Revier riesiger Maschinen. Die Fahrer dieser Kolosse sehen Sie oft schlichtweg nicht, wenn Sie sich im toten Winkel anpirschen. Mein Rat: Wenn ein Trecker kommt, fahre ich notfalls rechts ran und bleibe stehen. Das Kräftemessen verliert man immer.

Ein weiteres Ärgernis, das man kennen muss: Die Radwegeführung an Kreisverkehren wechselt gerne mal die Logik. Mal hat man Vorrang, mal ist man wartepflichtig. Achten Sie penibel auf die kleinen „Vorfahrt gewähren“-Schilder (Zeichen 205) direkt am Radweg. Die Intuition täuscht hier oft.

Letzten Endes ist Sicherheit eine Mischung aus guter Ausrüstung, wachsamem Verstand und dem ständigen Druck auf die Verantwortlichen, unsere Wege und Netze zu verbessern. Melden Sie Mängel. Nerven Sie die Lokalpolitik. Nur so wird aus dem „Fahrradland“ Realität und nicht nur ein Marketing-Slogan auf einem Ortseingangsschild.