Verkehrswende in Werne: Klimaschutz durch mehr Radverkehr

Wer schon einmal versucht hat, morgens im Berufsverkehr mit dem Rad durch Werne zu kommen, der kennt das Gefühl: Ein Mix aus Adrenalin, Frustration und der ständigen Frage, warum der Radweg plötzlich im Nichts endet. Genau darum ging es auf dieser Plattform jahrelang. Wir waren nicht einfach nur eine Info-Seite, wir waren das digitale Gedächtnis für jeden Schlagloch-Slalom und jede verpasste Chance in der lokalen Verkehrsplanung.

Die Verkehrswende ist in aller Munde, aber hier im Münsterland, am Rande des Ruhrgebiets, schmeckt sie manchmal noch etwas trocken. Werne hat topografisch eigentlich alles, was man braucht: Es ist flach, die Wege sind überschaubar. Eigentlich ein Paradies für Radfahrer. Eigentlich.

Aber zwischen „eigentlich“ und der Realität auf dem Asphalt liegt oft eine dicke Schicht Bürokratie und jahrzehntelange „Auto-first“-Politik. Lassen Sie uns mal Tacheles reden über das, was wir hier über die Jahre dokumentiert haben und warum der Klimaschutz auf zwei Rädern mehr braucht als nur ein bisschen rote Farbe auf der Fahrbahn.

Mehr als nur Sonntagsausflüge an die Lippe

Lange Zeit wurde Radverkehr in Kleinstädten wie Werne eher als Freizeitbeschäftigung gesehen. Da ging es darum, am Wochenende schön gemütlich Richtung Cappenberg oder entlang der Lippe zu radeln. Das ist nett, keine Frage. Aber Klimaschutz und echte Verkehrswende passieren nicht am Sonntag bei Kaffee und Kuchen. Sie passieren am Dienstagmorgen um 07:30 Uhr, wenn Hunderte Menschen zur Arbeit pendeln oder Schüler zum Gymnasium St. Christophorus wollen.

Das Problem, das wir immer wieder thematisiert haben, ist der sogenannte Alltagsradverkehr. Wenn das Rad das Auto ersetzen soll, muss es verdammt noch mal komfortabler und schneller sein. Niemand steigt aufs Rad um, wenn er an jeder Ampel betteln muss oder an unübersichtlichen Kreuzungen Angst um sein Leben hat.

Ein Beispiel aus der Praxis, das uns hier oft beschäftigt hat: Die leidigen Schutzstreifen. Sie wissen schon, diese gestrichelten Linien am Fahrbahnrand. In der Theorie sollen sie suggerieren „Hier fährt ein Rad“. In der Praxis werden sie oft als kurzzeitige Parkbucht für den Bäckerbesuch missbraucht oder zwingen den Radfahrer in den „Dooring“-Bereich parkender Autos. Das ist keine Infrastruktur, das ist ein Alibi.

Klimaschutz bedeutet hier konkret: Wir müssen Wege schaffen, auf denen man auch mit dem teuren E-Bike zügig von A nach B kommt, ohne alle fünfzig Meter ausgebremst zu werden.

Der Kampf um den Platz: Werne muss sich entscheiden

Machen wir uns nichts vor: Platz in der Stadt ist endlich. Wenn wir mehr Radverkehr wollen, müssen wir dem Auto Platz wegnehmen. Das ist der Punkt, an dem die Diskussionen in den Ausschusssitzungen oft hitzig wurden – und worüber wir hier berichtet haben. Es ist ungemütlich.

Ein echter Radweg braucht Breite. Nicht diese kümmerlichen 80 Zentimeter, wo man bei Gegenverkehr in den Graben ausweichen muss. Wir reden von 2,00 bis 2,50 Metern Breite, damit man auch mal überholen kann oder zwei Lastenräder aneinander vorbeikommen. Das bedeutet im Umkehrschluss oft: Eine Parkspur muss weg. Oder die Fahrspur für Autos wird schmaler.

Hier zeigt sich, wie ernst es einer Kommune mit dem Klimaschutz wirklich ist. Solange Radförderung nur da passiert, wo es dem Autofahrer nicht wehtut, ist es bloß Kosmetik. Die Verkehrswende in Werne wird erst dann Realität, wenn wir bereit sind, diese Konflikte auszuhalten.

Was wir gelernt haben (und was immer noch gilt)

Über die Zeit, in der diese Seite als Portal fungierte, haben sich bestimmte Muster herauskristallisiert. Es sind Dinge, die man in keinem offiziellen PDF der Stadtverwaltung findet, die aber jeder kennt, der täglich im Sattel sitzt:

  • Rote Farbe schützt keine Knochen. Es ist psychologisch nett, rote Furten an Kreuzungen zu markieren, aber wenn der LKW-Fahrer beim Rechtsabbiegen den Schulterblick vergisst, hilft der Anstrich herzlich wenig. Bauliche Trennung ist das Einzige, was wirklich Sicherheit schafft.
  • Die Pflege der Wege ist fast wichtiger als der Neubau. Nichts nervt mehr als ein Radweg, der im Herbst unter einer zentimeterdicken Schicht aus nassem Laub verschwindet oder im Winter als Schneelagerfläche für die Straße genutzt wird. Wer ganzjährig fahren soll, braucht ganzjährig geräumte Wege.
  • Lücken im Netz sind Motivationskiller. Es bringt nichts, wenn wir 500 Meter „Super-Highway“ haben, der dann abrupt an einer vierspurigen Kreuzung im Nirgendwo endet. Ein Netz ist nur so stark wie seine schwächste Verbindung. In Werne gab es (und gibt es) zu viele dieser „Missing Links“.
  • Drängelgitter sind eine Pest. Ursprünglich gedacht, um Mofas fernzuhalten oder Radfahrer vor dem unachtsamen Kreuzen zu bremsen, sind sie heute mit Lastenrädern oder Anhängern oft unpassierbar. Sie diskriminieren moderne Mobilität. Weg mit den Dingern.

E-Bikes als Gamechanger für Pendler

Früher war der Weg von Werne nach Lünen oder Hamm für den Durchschnittsbürger eine sportliche Herausforderung, die man nicht täglich im Business-Outfit machen wollte. Man kam verschwitzt an, musste duschen, das war alles zu kompliziert.

Das Pedelec hat das Spielfeld komplett verändert. Plötzlich sind Distanzen von 10 bis 15 Kilometern keine Hürde mehr, sondern eine angenehme halbe Stunde Bewegung. Das Potenzial für den Klimaschutz ist riesig. Jedes dieser E-Bikes ersetzt potenziell einen Verbrenner, der morgens im Stau steht und Abgase in die Luft pustet.

Aber – und das ist ein großes Aber – diese schnelleren Räder stellen ganz neue Anforderungen an die Infrastruktur in Werne. Wer mit 25 km/h unterwegs ist, kann nicht auf einem holprigen Gehweg fahren, der für Schrittgeschwindigkeit ausgelegt ist. Die Planer mussten umdenken. Wir haben oft darauf hingewiesen, dass die alten Mindestmaße aus den 90ern heute einfach gefährlich sind.

Der „Mängelmelder“-Effekt

Ein Kernstück unserer Arbeit war immer das Feedback der Community. Es war faszinierend zu sehen, wie gut die lokalen Radfahrer ihre Stadt kennen. Viel besser als jeder Verkehrsplaner am Schreibtisch.

Da gab es Hinweise auf Wurzelaufbrüche, die einen fast vom Sattel hauen, wenn man sie im Dunkeln übersieht. Oder Ampelschaltungen, die den Radverkehr so lange warten lassen, dass man fast Wurzeln schlägt. Dieser Druck von der Straße ist essenziell.

Politik funktioniert oft nach dem Prinzip: „Wo kein Kläger, da kein Richter.“ Wenn niemand sich beschwert, dass der Radweg an der Landstraße seit drei Jahren zugewuchert ist, passiert auch nichts. Wir haben gelernt: Man muss lästig sein. Man muss Mails schreiben, Fotos machen, Ratsmitglieder nerven. Nur so bewegt sich was in den Mühlen der Verwaltung. Klimaschutz ist hier Handarbeit.

Sicherheit: Das subjektive Gefühl entscheidet

Statistiken sind geduldig. Oft hieß es von offizieller Seite: „Die Unfallzahlen an dieser Stelle sind unauffällig.“ Das mag objektiv stimmen. Aber wenn sich 80% der Menschen nicht trauen, dort zu fahren, weil es sich lebensgefährlich anfühlt, dann ist die Infrastruktur gescheitert.

Besonders Eltern sind hier der beste Indikator. Würden Sie Ihr zehnjähriges Kind allein dort langfahren lassen? Wenn die Antwort „Nein“ oder auch nur ein zögerliches „Vielleicht“ ist, dann muss nachgebessert werden. Eine echte Verkehrswende schaffen wir nur, wenn sich auch unsichere Fahrer, Senioren und Kinder auf das Rad trauen. Der „Strong and Fearless“-Radler, der sich auch im dichten Verkehr zwischen LKWs behauptet, ist eine Minderheit. Wir müssen für die breite Masse bauen.

Konkrete Baustellen der Mentalität

Es reicht nicht, Beton zu gießen. Wir brauchen auch eine Wende in den Köpfen. Das klingt abgedroschen, ist aber in einer Stadt wie Werne bitterer Ernst.

Es geht um Vorrang. In den Niederlanden hat der Radverkehr oft automatisch Vorfahrt oder grüne Welle. Hier ist das Rad oft noch „Gast“ auf der Straße. Man muss warten, man muss absteigen, man muss Umwege fahren.

Ein Erlebnis bleibt mir besonders im Gedächtnis: Die Diskussion um Fahrradstraßen. Sobald irgendwo das Schild „Fahrradstraße“ aufgestellt wird, bricht oft Panik aus. „Dürfen da noch Autos fahren?“ (Meistens ja, „Anlieger frei“). „Muss ich jetzt hinter Radlern herfahren?“ (Ja, das ist der Sinn der Sache). Diese Aufklärungsarbeit ist mühsam, aber ohne sie wird jedes Infrastrukturprojekt zum lokalen Zankapfel.

Blick nach vorn: Was bleibt zu tun?

Auch wenn diese Seite als aktives Portal Geschichte ist, die Themen sind aktueller denn je. Der Klimawandel wartet nicht, bis wir den letzten Bebauungsplan fertig diskutiert haben.

Für die Zukunft von Werne wünsche ich mir mehr Mut. Mut für echte Pilotprojekte. Warum nicht mal eine Straße für drei Monate für Autos sperren und schauen, wie sich das Lebensgefühl verändert? Pop-up-Radwege haben in Berlin gezeigt, wie schnell Wandel gehen kann, wenn der politische Wille da ist.

Wir brauchen durchgängige Routen. Ein Flickenteppich bringt niemanden aufs Rad. Die Anbindung an die Nachbarstädte muss lückenlos sein – Stichwort Radschnellwege (RS1 und Zubringer). Das darf nicht an der Stadtgrenze aufhören, nur weil dort eine andere Zuständigkeit beginnt.

Fahrradparken ist das nächste große Ding. Ein 3.000 Euro Pedelec stellt man nicht einfach so mit einem Spiralschloss an den Laternenpfahl. Wir brauchen sichere, überdachte Abstellanlagen an Bahnhöfen und in der Innenstadt. Wer Angst um sein Rad hat, fährt nicht.

Abschließend lässt sich sagen: Die Verkehrswende in Werne ist ein Marathon, kein Sprint. Es geht zwei Schritte vor, einen zurück. Manchmal steht man im Leerlauf. Aber jeder Kilometer, der mit dem Rad statt mit dem Auto zurückgelegt wird, ist ein Gewinn – für die Luft, für die Ruhe in der Stadt und letztlich für uns alle. Bleiben Sie dran, mischen Sie sich ein und vor allem: Fahren Sie weiter.