Man muss sich nichts vormachen: Werne ist eine Stadt der kurzen Wege. Zumindest auf dem Papier. Geografisch gesehen ist alles da, was das Radlerherz eigentlich begehrt – eine kompakte Innenstadt, flaches Umland (wenn man mal von den kleineren Steigungen Richtung Cappenberg absieht) und eine historische Struktur, die Autos eigentlich hassen müssten.
Aber steht man morgens um halb acht an der Kamener Straße oder versucht, sich durch den Berufsverkehr am Penningrode zu schlängeln, verblasst der Begriff „Fahrradstadt“ ganz schnell hinter einer Wolke aus Abgasen und Hupkonzerten. Diese Webseite war lange Zeit genau dafür da: Den Finger in die Wunde zu legen. Sie war ein digitales Sammelbecken für den Frust, aber auch für die Hoffnung der Werner Radfahrer. Wir haben dokumentiert, gemeckert und Vorschläge gemacht. Jetzt, wo wir zurückblicken und gleichzeitig nach vorne schauen, stellt sich die Frage: Wo stehen wir eigentlich wirklich?
Der Status Quo: Zwischen Kopfsteinpflaster und roter Farbe
Wenn Planer von Fahrradinfrastruktur sprechen, fallen oft Begriffe wie „integrierte Mobilitätskonzepte“. Wenn ich durch Werne fahre, sehe ich vor allem eins: Farbe. Rote Farbe auf dem Asphalt soll Sicherheit suggerieren. Das Problem dabei ist nur, dass Farbe keinen 40-Tonner aufhält und auch keine echte Barriere darstellt, wenn der Lieferdienst „nur mal kurz“ auf dem Schutzstreifen hält, um ein Paket abzuwerfen.
Die Realität in Werne ist derzeit ein Flickenteppich. Wir haben einige wirklich schöne Abschnitte, besonders wenn man die touristischen Routen Richtung Lippe oder die Bauernschaften betrachtet. Da macht Radfahren Spaß. Das ist Naherholung. Aber Verkehrswende bedeutet eben nicht Sonntagsausflug, sondern Alltag.
Schauen wir uns die kritischen Punkte an, die uns über die Jahre immer wieder gemeldet wurden:
- Die Ortsdurchfahrten sind oft Nadelöhre. Wer versucht, zu Stoßzeiten die B54 zu queren oder entlangzufahren, braucht Nerven wie Drahtseile. Die Radwege – sofern vorhanden – sind oft schmal, direkt neben dem fließenden Verkehr oder teilen sich den Platz mit Fußgängern, was den nächsten Konflikt vorprogrammiert.
- Wurzelaufbrüche sind der Endgegner. Besonders auf den älteren Radwegen Richtung Stockum oder Horneburg hebt der Asphalt gerne mal ab. Das ist tagsüber ärgerlich, bei Dunkelheit und Nässe gefährlich. Da helfen auch keine Warnschilder, da muss saniert werden.
- Das Kopfsteinpflaster in der historischen Altstadt ist charmant für Touristen, aber die Hölle für jeden, der mit einem Hollandrad oder, Gott bewahre, einem Lastenrad unterwegs ist. Es rüttelt einen durch, und bei Regen wird es zur Rutschbahn. Hier prallen Denkmalschutz und moderne Mobilität frontal aufeinander.
Sicherheit ist mehr als nur ein Helm
Ein Hauptfokus unserer Arbeit war immer die subjektive und objektive Sicherheit. Es ist interessant: In den Polizeistatistiken tauchen oft nur die schweren Unfälle auf. Die „Beinahe-Dinger“, die uns tagtäglich passieren, stehen nirgendwo. Der Autofahrer, der beim Rechtsabbiegen den Schulterblick vergisst (den Klassiker kennt jeder). Die Tür, die plötzlich aufgeht (Dooring). Das sind die Momente, die Menschen davon abhalten, aufs Rad zu steigen.
Besonders Eltern in Werne überlegen sich dreimal, ob sie ihre Kinder allein mit dem Rad zur Schule schicken. Solange ein Schulweg als „Mutprobe“ wahrgenommen wird, haben wir als Fahrradstadt versagt. Es reicht nicht, „Schule hat begonnen“-Plakate aufzuhängen. Die Infrastruktur muss Fehler verzeihen können. Derzeit verzeiht sie in Werne aber wenig.
Die Rolle der Politik: Wollen ja, Machen naja
Ich war in dutzenden Ausschusssitzungen. Man kann der Lokalpolitik in Werne nicht vorwerfen, dass sie das Thema ignorieren würde. Es gibt Konzepte, es gibt den Willen zur Verbesserung. Das Problem liegt oft in der Umsetzung und der Geschwindigkeit. Ein Radwegekonzept, das über zehn Jahre gestreckt wird, wird von der Realität überholt, noch bevor der erste Bagger rollt.
Oft scheitert es an Kleinigkeiten: Ein Grundstückseigentümer will zwei Meter Land nicht abgeben, also endet der Radweg im Nirgendwo. Oder der Landesbetrieb Straßen.NRW hat andere Prioritäten als die Stadt Werne, und schon passiert an einer Landstraße jahrelang nichts, obwohl alle wissen, dass es dort gefährlich ist. Wir haben das oft als „Zuständigkeits-Ping-Pong“ bezeichnet. Als Bürger ist es mir herzlich egal, wer den Asphalt bezahlt – ich will nur sicher ankommen.
Visionen: Wie Werne wirklich zur Fahrradstadt werden könnte
Genug gemeckert. Was müsste passieren, damit Werne den Titel „Fahrradstadt“ nicht nur als Marketingfloskel trägt, sondern wirklich lebt? Wir haben über die Jahre viele Ideen gesammelt, inspiriert von Städten, die es besser machen (und nein, wir müssen nicht immer gleich nach Kopenhagen schauen, manchmal reicht ein Blick über die Grenze nach Holland oder zu engagierten deutschen Kommunen).
Die Trennung der Verkehrsarten
Der Mischverkehr funktioniert ab einer gewissen Autodichte einfach nicht. Wir brauchen baulich getrennte Radwege an den Hauptachsen. „Protected Bike Lanes“ – also Radwege, die durch Poller oder Bordsteine geschützt sind. Das kostet Platz, ja. Das heißt vielleicht, dass Parkplätze wegfallen oder Fahrspuren schmaler werden. Aber ohne diesen Platzkampf wird sich nichts ändern.
Radschnellwege als Pulsadern
Die Anbindung an das geplante Radschnellwegenetz (RS1 / RS2) im Ruhrgebiet und Münsterland ist essenziell. Werne darf keine Insel bleiben. Viele Pendler arbeiten in Dortmund, Lünen oder Hamm. Wenn ich für die 15 Kilometer nach Lünen mit dem E-Bike sicher und zügig durchfahren kann, ohne an jeder Milchkanne anhalten zu müssen, wird das Auto plötzlich zur zweiten Wahl. E-Bikes haben die Reichweiten verändert – die Infrastruktur muss jetzt nachziehen.
Intelligente Ampelschaltungen
Warum muss ich als Radfahrer eigentlich immer betteln? Diese Drückampeln sind ein Relikt. Moderne Induktionsschleifen oder Kamerasysteme erkennen Radfahrer schon bei der Annäherung und geben Grün. In Münster oder den Niederlanden sieht man Regensensoren, die Radfahrern bei schlechtem Wetter öfter Vorrang geben. Das klingt nach Science-Fiction für Werne? Sollte es aber nicht. Es ist technisch machbar.
Abstellanlagen, die den Namen verdienen
Wer heute mit einem 3.000 Euro teuren Pedelec in die Stadt fährt, will es nicht an einen verbogenen „Felgenkiller“ anschließen. Wir brauchen sichere, überdachte Parkmöglichkeiten am Bahnhof, am Solebad und in der Innenstadt. Fahrradboxen, die man per App buchen kann. Das Diebstahlrisiko ist für viele ein massiver Hinderungsgrund.
Ein lebendiges Netzwerk statt starrer Planung
Was wir auf dieser Plattform immer wieder gesehen haben: Die besten Experten für den Radverkehr sind die Leute, die jeden Tag fahren. Nicht der Planer am Schreibtisch. Der sogenannte „Mängelmelder“, den viele Städte mittlerweile eingeführt haben, ist ein gutes Werkzeug, aber die Reaktionszeiten müssen schneller werden. Wenn ich heute ein Schlagloch melde, darf es nicht erst im nächsten Haushaltsjahr geflickt werden.
Die Zukunft des Radverkehrs in Werne hängt nicht allein von großen Millionenprojekten ab. Es sind oft die Lückenschlüsse. Die kleine Rampe, die den Bordstein entschärft. Der Spiegel an der unübersichtlichen Ecke. Das konsequente Abschleppen von Falschparkern auf Radwegen (ein sehr leidiges Thema!).
Fahrradkultur muss wachsen
Infrastruktur ist Beton und Asphalt. Aber eine „Fahrradstadt“ entsteht im Kopf. Es braucht eine Kultur des Miteinanders. Das klingt jetzt vielleicht etwas kitschig, aber in Werne herrscht auf den Straßen oft noch Kriegsstimmung. Auto gegen Rad. Schnell gegen Langsam. Eine echte Vision wäre, dass der Radverkehr als gleichberechtigter, wenn nicht sogar bevorzugter Verkehrsträger anerkannt wird.
Das bedeutet auch: Lastenräder für die Logistik auf der letzten Meile in der Innenstadt fördern. Dienst-Fahrräder für städtische Angestellte. Events wie das Stadtradeln nicht nur als PR-Stunt nutzen, sondern die gesammelten Daten wirklich für die Planung auswerten.
Werne hat das Potenzial. Die Distanzen sind perfekt. Topografisch ist es ein Traum. Jetzt braucht es nur noch den politischen Mut, dem Auto auch mal wortwörtlich den Weg abzuschneiden, um Raum für nachhaltige Mobilität zu schaffen. Bis dahin bleibt diese Seite ein Archiv dessen, was war, und eine Mahnung für das, was noch zu tun ist.
