Wer in Werne aufs Rad steigt, merkt schnell: Wir leben hier in einer Zwitter-Zone. Südlich drückt das Ruhrgebiet mit seinen Kanälen und der Industriekultur, nördlich öffnet sich das Münsterland mit dieser endlosen, manchmal fast meditativen Weite. Für uns als Portal, das sich sonst eher mit Schlaglöchern, fehlenden Radstreifen und zähen verkehrspolitischen Debatten im Stadtrat herumschlägt, ist es mal an der Zeit, den Fokus zu verschieben. Weg vom Ärger über zu eng geparkte Autos an der Steinstraße, hin zu dem Grund, warum wir das hier überhaupt machen: Das Radfahren selbst.
Denn sind wir mal ehrlich: Trotz aller Mängel in der Infrastruktur ist unsere Ecke ein kleines Paradies für Pedaleure. Man muss nur wissen, wo der Asphalt glatt ist und wo man nicht alle fünf Meter von einer Wurzelaufbrüche aus dem Sattel gehoben wird. Ich habe hier mal die Routen zusammengetragen, die ich selbst am liebsten fahre – nicht diese generischen Touri-Empfehlungen aus dem Hochglanzprospekt, sondern die Strecken, die auch wirklich Spaß machen.
Der Klassiker: Auf der Römer-Lippe-Route (aber richtig)
Jeder kennt sie, jeder fährt sie. Die Römer-Lippe-Route ist so etwas wie die Hauptschlagader des Radtourismus hier. Aber man muss sie zu nehmen wissen. Wer an einem sonnigen Sonntagnachmittag im Juli meint, hier Bestzeiten aufstellen zu können, wird wahnsinnig werden. Da schieben sich E-Bike-Kolonnen in Schrittgeschwindigkeit aneinander vorbei.
Der Trick ist das Timing und der Abschnitt. Besonders reizvoll finde ich das Stück zwischen Werne und den Lippeauen Richtung Lünen. Hier zeigt sich, was Wasserbauingenieure leisten können, wenn man sie lässt: Die Renaturierung der Lippe hat eine Landschaft geschaffen, die morgens im Nebel fast unwirklich aussieht. Störche sind hier keine Seltenheit mehr, und wenn man Glück hat, sieht man sogar ein paar Wasserbüffel.
Was mir hier gefällt:
- Der Belag ist größtenteils in Ordnung (was man ja nicht von jedem Feldweg in Werne behaupten kann), sodass man auch mit schmaleren Reifen gut durchkommt, ohne eine Gehirnerschütterung zu riskieren.
- Die Anbindung an den Bahnhof Werne ermöglicht es, die Tour variabel zu gestalten – man muss nicht zwingend im Kreis fahren, sondern kann den Rückweg abkürzen, wenn der Gegenwind mal wieder unbarmherzig von Westen bläst.
- Historisch ist das Ganze auch nicht ohne. Man rollt buchstäblich auf den Spuren der römischen Logistik. Da bekommt das Strampeln fast etwas Bildungsbürgerliches.
Die Königsetappe: 100-Schlösser-Route (Richtung Nordkirchen)
Wenn wir Besuch von auswärts haben, ist das die Route, mit der wir angeben. „Königin der Radrouten“ nennt das Stadtmarketing das gerne. Klingt dick aufgetragen, aber sobald man vor dem Schloss Nordkirchen steht, versteht man warum. Das „Westfälische Versailles“ ist nur eine ordentliche Waden-Session von Werne entfernt.
Die Strecke dorthin führt typisch münsterländisch durch Pättkes und Wirtschaftswege. Hier muss ich allerdings eine kleine Warnung aussprechen: Die landwirtschaftliche Nutzung ist real. Das bedeutet, dass man gerade zur Erntezeit im Herbst damit rechnen muss, dass der vermeintlich saubere Radweg plötzlich unter einer zentimeterdicken Lehmkruste verschwindet, weil die Trecker rausfahren. Das gehört dazu. Wer sein Rad klinisch rein halten will, sollte lieber auf der Rolle im Wohnzimmer bleiben.
Auf dem Weg nach Nordkirchen lohnt sich oft ein kleiner Schlenker über Schloss Westerwinkel in Ascheberg-Herbern. Das ist weniger überlaufen, liegt wunderschön im Grünen und hat diesen leicht verwunschenen Golfplatz-Charme, ohne zu elitär zu wirken. Die Verbindung zwischen Werne, Herbern und Nordkirchen ist für mich die Essenz des Radfahrens in unserer Region: Flach, grün, rote Ziegelbauten und viel Himmel.
Industriekultur trifft Wasser: Der Datteln-Hamm-Kanal
Manchmal will man keine Bäume, keine Schlösser und keine Felder. Manchmal will man einfach nur „ballern“. Strecke machen. Den Kopf freikriegen. Dafür gibt es nichts Besseres als den Kanal. Von Werne aus ist man ruckzuck an der Marina Rünthe in Bergkamen.
Die Kanaluferwege sind fast durchgehend geschottert oder asphaltiert und schnurgerade. Kein Ampelstopp, kein „Rechts vor Links“, keine unübersichtlichen Einmündungen. Hier kann man einen Rhythmus finden. Es hat schon was Spezielles, wenn man parallel zu einem riesigen Lastkahn fährt und merkt, dass man bei 25 km/h tatsächlich schneller ist als der Kapitän nebendran.
Ein paar Dinge sollte man am Kanal aber auf dem Schirm haben:
- Der Windkanal-Effekt ist kein Mythos. Da oben auf dem Deich gibt es keinen Windschatten. Wenn der Wind von vorne kommt, fühlen sich 20 Kilometer an wie 50.
- An Wochenenden wird es an der Marina Rünthe voll. Da flanieren Leute mit Eis in der Hand quer über den Radweg. Hier gilt: Tempo raus, freundlich klingeln (nicht brüllen) und die entspannte Atmosphäre genießen. Die Marina selbst ist ein guter Spot für einen Kaffee, um den Koffeinpegel wieder auf „Heimfahrt-Niveau“ zu bringen.
- Die Unterführungen unter den Brücken sind oft eng und dunkel – Sonnenbrille kurz abnehmen hilft, sonst landet man im Gegenverkehr.
Cappenberg: Werne hat doch Berge (na ja, einen)
Wer sagt, das Münsterland sei tellerflach, war noch nie mit dem Rad auf dem Weg zum Schloss Cappenberg. Für Alpenbewohner ist das ein Witz, aber für uns hier in der Tiefebene ist der Anstieg hoch nach Cappenberg die ultimative Bergwertung. Es gibt verschiedene Auffahrten, und manche haben es in sich.
Warum tut man sich das an? Wegen der Aussicht oben. Vom Wasserturm oder direkt vom Schlossgelände aus kann man bei gutem Wetter weit ins Ruhrgebiet schauen. Man sieht die Kraftwerke, die Silhouetten der Städte und realisiert erst da oben, wie grün diese ganze Region eigentlich ist. Außerdem schmeckt das obligatorische Kaltgetränk im Biergarten oben am Schloss dreimal besser, wenn man es sich mit Schweiß erkauft hat.
Die Abfahrt zurück Richtung Werne ist dann der Lohn der Mühe. Aber Vorsicht: Der Straßenbelag an den Rändern ist oft durch Wurzeln angehoben oder einfach kaputt. Unsere ständigen Berichte über Straßenschäden auf der Website kommen ja nicht von ungefähr. Gerade bei höheren Geschwindigkeiten bergab sollte man die Augen fest auf dem Asphalt haben, nicht in der Landschaft.
Die „Werne-Runde“: Einmal um den Kirchturm
Nicht immer hat man Zeit für die große 60-Kilometer-Tour. Manchmal reicht der Feierabend. Eine schöne Runde führt durch die Rieselfelder. Das ist Naherholung pur, direkt vor der Haustür. Hier merkt man erst, wieviel Natur Werne eigentlich umschließt.
Das Gute an dieser lokalen Runde ist die Flexibilität. Man kann jederzeit abbrechen, wenn dunkle Wolken aufziehen oder die Beine schwer werden. Zudem kennt man hier jeden Schlagloch beim Vornamen – ein Heimvorteil, den man nicht unterschätzen sollte. Es ist auch der Ort, wo man am ehesten sieht, wo verkehrspolitisch noch Handlungsbedarf besteht. Fehlende Lückenschlüsse im Radwegenetz fallen einem hier besonders auf, wenn man plötzlich auf einer stark befahrenen Landstraße landet, weil der Radweg im Nirgendwo endet. Wir arbeiten dran, das zu thematisieren, aber beim Fahren nervt es einfach nur.
Ausrüstung und Realitätscheck
Bevor Sie jetzt voller Euphorie losfahren, noch ein paar ehrliche Worte zur Ausrüstung. Sie brauchen hier kein vollgefedertes Mountainbike. Wirklich nicht. Die „Berge“ sind Hügel und die „Offroad-Passagen“ sind meistens nur schlechte Feldwege. Ein solides Trekkingrad oder ein Gravelbike sind für die Region um Werne die Waffen der Wahl.
Viel wichtiger als die Federung ist der Pannenschutz. Die Hecken werden hier oft mit schwerem Gerät geschnitten, und die Dornen landen… genau, auf dem Radweg. Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Schläuche ich schon am Wegesrand gewechselt habe, weil wieder irgendein Dorn durchging. Wer Reifen mit ordentlichem Pannenschutz fährt („Unplattbar“ und Co.), spart sich viele Nerven.
Und noch was zum Thema Wind: Unterschätzen Sie das nicht. Planen Sie Ihre Touren so, dass Sie auf dem Hinweg gegen den Wind fahren und sich zurück schieben lassen. Nichts ist frustrierender, als nach 40 Kilometern in den Beinen festzustellen, dass man den ganzen Rückweg gegen eine steife Brise ankämpfen muss. Das bricht die Moral.
Fazit: Einfach rollen lassen
Werne ist vielleicht nicht das Radsport-Mekka der Welt, und wir haben auf unserer Seite oft genug Grund zu meckern, wenn es um gefährliche Kreuzungen oder schlechte Beschilderung geht. Aber wenn man das mal ausblendet und sich auf die Landschaft einlässt, auf die Lippeauen, die Schlösser und die Kanäle, dann lebt es sich hier als Radfahrer verdammt gut.
Die Mischung macht es. Heute Industriekultur am Kanal, morgen barocke Pracht in Nordkirchen. Schnappen Sie sich Ihr Rad, packen Sie genug Wasser ein (und vielleicht ein Flickzeug, sicher ist sicher) und erkunden Sie die Wege vor der Haustür. Und wenn Ihnen unterwegs ein Loch im Radweg auffällt – Sie wissen ja, wo Sie uns finden, um das zu melden.
